Café Lascaux – Medien / Politik / Philosophie

Ein Blog von Heinz-Günter Weber

Bewerbungen als magisches Ritual

Wenn der Mensch seine Umwelt nicht kontrollieren kann durch Verstand, Wissenschaft, Erkennen, weicht er aus auf Magie. Unter dem Titel „Die Magie der Bewerbung“ schreibt Telepolis in schönstem Benjamin’schen Diktus von einem „Neoprimitivismus im Zeitalter der Massenarbeitslosigkeit“ und erklärt das Versenden besonders schön gestalteter und mit tollen Fotos versehener Bewerbungsmappen zum modernen magischen Ritual.

Hier die Kerngedanken des Telepolis-Artikels von Peter Mühlbauer:

„In seiner 1925 erschienenen Studie Magic, Science and Religion wies der Ethnologe Bronislaw Malinowski anhand von Material, das er in der Südsee gesammelt hatte, nach, dass Gesellschaften nicht – wie man bis dahin geglaubt hatte – in einer evolutionären Rangfolge ausschließlich von magischem, religiösem oder wissenschaftlichem Denken bestimmt sind, sondern dass alle drei Formen in allen Gesellschaften vorkommen. „Wissenschaftlich“ werden immer jene Bereiche behandelt, die der Mensch technisch beeinflussen kann, „magisch“ jene die außerhalb seiner Wirkungsmacht stehen.

Felder für magisches Denken öffnen sich auch durch vom Menschen gemachte aber trotzdem vom Individuum nicht kontrollierbare Entitäten wie „Markt“ im allgemeinen und „Arbeitsmarkt“ im besonderen. Walter Benjamin (Anm.: In Kapitalismuds und Religion) , Christoph Deutschmann und Thomas Frank wiesen auf die Wahrnehmung ökonomischer Begriffe als übernatürliche Mächte hin. Hesiod (Wikipedia – Hesiod) hatte diesen Effekt bereits im 7. Jahrhundert vor Christus erkannt und sprach z.B. davon dass auch ein Gerücht ein „Gott“ sein könne.

Begünstigt wird diese Entwicklung hin zum „magischem“ Denken unter anderem dadurch, dass die Wirksamkeit einer Bewerbungsmappe oder eines Bewerbungsfotos empirisch kaum nachprüfbar ist[11] . Die Überprüfung der Richtigkeit des magischen Rituals schreibt man deshalb hier wie da einer übernatürlichen, unpersönlichen Macht zu. Was bei den Südseeinsulaner des frühen 20. Jahrhunderts [extern] „Mana“, bei den Sioux [extern] „Wakan“ und bei Algonkin-Indianern [extern] „Manitu“ hieß, das ist für den Arbeitslosen des frühen 21. Jahrhunderts der „Markt“.“

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