Café Lascaux – Medien / Politik / Philosophie

Ein Blog von Heinz-Günter Weber

Die Kultur, der Tod und die Utopie: Was Oswald Spengler übersehen hat, nach Adorno

Theordor W. Adorno in einer Festrede zu Oswald Spenglers 70. Geburtstag (1950)

Was Kultur ist, trägt die Spur des Todes — das zu verleugnen, bliebe ohnmächtig vor Spengler, der von den Geheimnissen der Kultur kaum weniger ausgeplaudert hat als Hitler von denen der Propaganda. Um dem Zauberkreis der Spenglerschen Morphologie zu entrinnen, genügt es nicht, die Barbarei zu diffamieren und auf die Gesundheit der Kultur sich zu verlassen — eine Vertrauensseligkeit, in deren Angesicht Spengler hohnlachen könnte. Vielmehr ist das Element der Barbarei an der Kultur selber zu durchdringen. Nur solche Gedanken haben eine Chance, das Spenglersche Verdikt zu überleben, welche die Idee der Kultur nicht weniger herausfordern als die Wirklichkeit der Barbarei. Die pflanzenhafte Kulturseele Spenglers, das vitale „In-Form-Sein“, die unbewußte archaische Symbolwelt,an deren Ausdruckskraft er sich berauscht —all diese Zeugnisse selbstherrlichen Lebens sind Sendboten des Verhängnisses, wo sie wirklich in Erscheinung treten. Denn sie alle zeugen von Zwang und Opfer, die Kultur den Menschen auferlegt. Auf sie sich verlassen und den Untergang verleugnen, heißt nur ihrer tödlichen Verstrickung um so tiefer verfallen. Es heißt zugleich wieder herstellen wollen, worüber bereits Geschichte jenes Verdikt aussprach, das für Spengler das letzte bleibt, während Weltgeschichte, indem sie ihr Urteil vollstreckt, das mit Recht Verurteilte gerade in seiner Unwiederbringlichkeit ins Recht setzt.

Eines ist Spenglers spähendem Jägerblick, der erbarmungslos die Städte der Menschheit durchstreift, als wären sie die Wildnis, die sie sind — eines ist diesem Jägerblick verborgen: die Kräfte, die im Verfallfrei werden. „Wie scheint doch alles Werdende so krank“ — der Satz des Dichters Georg Trakl transzendiert die Spenglersche Landschaft. In der Welt des gewalttätigen und unterdrückten Lebens ist Dekadenz, die diesem Leben, seiner Kultur, seiner Roheit und Erhabenheit die Gefolgschaft aufsagt, das Refugium des Besseren. Die ohnmächtig,nach Spenglers Gebot, von Geschichte beiseite geworfen und vernichtet werden,verkörpern negativ in der Negativität dieser Kultur, was deren Diktat zu brechen und dem Grauen der Vorgeschichte sein Ende zubereiten wie schwach auch immer verheißt.In ihrem Einspruch liegt die einzige Hoffnung, es möchten Schicksal und Macht nicht das letzte Wort behalten. Gegen den Untergang des Abendlandes steht nicht die überlebende Kultur, sondern die Utopie, die im Bilde der untergehenden wortlos fragend beschlossen liegt.

Quelle: PDF, The Month (Der Monat), issue: 020 / 1950, pages: 115128, auf www.ceeol.com.

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