Café Lascaux – Medien / Politik / Philosophie

Ein Blog von Heinz-Günter Weber

Monatsarchive: November 2010

Die Kultur, der Tod und die Utopie: Was Oswald Spengler übersehen hat, nach Adorno

Theordor W. Adorno in einer Festrede zu Oswald Spenglers 70. Geburtstag (1950)

Was Kultur ist, trägt die Spur des Todes — das zu verleugnen, bliebe ohnmächtig vor Spengler, der von den Geheimnissen der Kultur kaum weniger ausgeplaudert hat als Hitler von denen der Propaganda. Um dem Zauberkreis der Spenglerschen Morphologie zu entrinnen, genügt es nicht, die Barbarei zu diffamieren und auf die Gesundheit der Kultur sich zu verlassen — eine Vertrauensseligkeit, in deren Angesicht Spengler hohnlachen könnte. Vielmehr ist das Element der Barbarei an der Kultur selber zu durchdringen. Nur solche Gedanken haben eine Chance, das Spenglersche Verdikt zu überleben, welche die Idee der Kultur nicht weniger herausfordern als die Wirklichkeit der Barbarei. Die pflanzenhafte Kulturseele Spenglers, das vitale „In-Form-Sein“, die unbewußte archaische Symbolwelt,an deren Ausdruckskraft er sich berauscht —all diese Zeugnisse selbstherrlichen Lebens sind Sendboten des Verhängnisses, wo sie wirklich in Erscheinung treten. Denn sie alle zeugen von Zwang und Opfer, die Kultur den Menschen auferlegt. Auf sie sich verlassen und den Untergang verleugnen, heißt nur ihrer tödlichen Verstrickung um so tiefer verfallen. Es heißt zugleich wieder herstellen wollen, worüber bereits Geschichte jenes Verdikt aussprach, das für Spengler das letzte bleibt, während Weltgeschichte, indem sie ihr Urteil vollstreckt, das mit Recht Verurteilte gerade in seiner Unwiederbringlichkeit ins Recht setzt.

Eines ist Spenglers spähendem Jägerblick, der erbarmungslos die Städte der Menschheit durchstreift, als wären sie die Wildnis, die sie sind — eines ist diesem Jägerblick verborgen: die Kräfte, die im Verfallfrei werden. „Wie scheint doch alles Werdende so krank“ — der Satz des Dichters Georg Trakl transzendiert die Spenglersche Landschaft. In der Welt des gewalttätigen und unterdrückten Lebens ist Dekadenz, die diesem Leben, seiner Kultur, seiner Roheit und Erhabenheit die Gefolgschaft aufsagt, das Refugium des Besseren. Die ohnmächtig,nach Spenglers Gebot, von Geschichte beiseite geworfen und vernichtet werden,verkörpern negativ in der Negativität dieser Kultur, was deren Diktat zu brechen und dem Grauen der Vorgeschichte sein Ende zubereiten wie schwach auch immer verheißt.In ihrem Einspruch liegt die einzige Hoffnung, es möchten Schicksal und Macht nicht das letzte Wort behalten. Gegen den Untergang des Abendlandes steht nicht die überlebende Kultur, sondern die Utopie, die im Bilde der untergehenden wortlos fragend beschlossen liegt.

Quelle: PDF, The Month (Der Monat), issue: 020 / 1950, pages: 115128, auf www.ceeol.com.

» Manual for Civilization – Long Views: The Long Now Blog

Ein Zitat von James Lovelock, zitiert im Blog der  „The Long Now Foundation“, die sich mit dem Heute aus Blickrichtung der Zukunft beschäftigt (Gründungsmitglied: Brian Eno). Wir denken mit dem möglichen Ende unserer Zivilisation immer das Ende der Menschheit mit. Ein zivilisatorischer Irrtum …

„We have confidence in our science-based civilization and think it has tenure. In so doing, I think we fail to distinguish between the life-span of civilizations and that of our species. In fact, civilizations are ephemeral compared with species. Humans have lasted at least a million years, but there have been 30 civilizations in the past 5000 years. It seems clear to me that we are not evolving in intelligence, not becoming true Homo sapiens. Indeed there is little evidence that our individual intelligence has improved through the 5000 years of recorded history.“

via» Manual for Civilization – Long Views: The Long Now Blog.

Die individuelle Intelligenz hat sich nicht weiterentwickelt in den letzten 5000 Jahren – zugestanden.

Aber was ist mit „kollektiver Intelligenz“? Es gibt eine menschliche Schwarmintelligenz, es fehlt nur der richtige Name dafür.

Nirwana-Maschine mit Choc-Komponente

Die „Glotze“ als technische Annäherung an das Nirwana: Der Artikel „Das Nullmedium“ von Hans Magnus Enzensberger aus dem Spiegel Nr. 20 / 1988 hat es verdient, hier verlinkt zu werden.

Genauer: Ein ausführliches Zitat des Artikels, gefunden auf http://www.groscurth.com/archives/2003_05.html. Plus ein Kommentar aus Sicht von 9/11 und in Memoriam Walter Benjamin.

Aus dem Artikel „Das Nullmedium“ (Spiegel Nr. 20 / 1988) von Hans Magnus Enzensberger:

Das Fernsehen wird primär als eine wohldefinierte Methode zur genußreichen Gehirnwäsche eingesetzt; es dient der individuellen Hygiene, der Selbstmeditation. Das Nullmedium ist die einzige universelle und massenhaft verbreitete Form der Psychotherapie.

Wem diese Argumentation ex negativo zu düster ist, dem kann geholfen werden. Er braucht seinen Blick nur von den unangenehmen Tatsachen fort in höhere Sphären zu richten und die derzeit wieder einmal so beliebten ältesten Weisheitslehren der Menschheit zu Rate ziehen. Wenn nämlich unsere Konzentration ihr Maximum erreicht – das geht aus jedem esoterischen Taschenbuch einwandfrei hervor -, ist sie von Geistesabwesenheit nicht mehr zu unterscheiden, und umgekehrt: die extreme Zerstreuung schlägt in hypnotische Versenkung um.

Insofern kommt der Wattebausch vor den Augen der Transzendentalen Meditation recht nahe. So ließe sich auch die quasi-religiöse Verehrung, die das Nullmedium genießt, zwanglos erklären: Es stellt die technische Annäherung an das Nirwana dar. Der Fernseher ist die buddhistische Maschine.
Zugegeben: Es handelt sich hier um ein utopisches Projekt, das, wie alle Utopien, kaum ohne einen Erdenrest zu verwirklichen ist.

Online-Quelle und ausführlicheres Zitat hier.

Nicht in jeder Passage bleibt Enzensbergers Nirwana-Theorie plausibel:

Dagegen ereignet sich so etwas wie eine Bildstörung, sobald im Sendefluss ein Inhalt auftaucht, eine echte Nachricht oder gar ein Argument, das an die Außenwelt erinnert. Man stutzt, reibt sich die Augen, ist verstimmt und greift zur Fernbedienung. Diese äußerst zielbewusste Nutzung verdient endlich ernst genommen zu werden.

Denn wie war das an 9/11, am 11. September 2001? Zweifellos tauchte das im Sendefluss ein „echter Inhalt“ auf, und das Verhalten war eben nicht, wegzuzappen per Fernbedienung zur Wiederaufnahme der Meditation, respektive Gehirnwäsche.

Genausowenig wie es 1963 war: Nach dem Attentat auf Präsident J.F. Kennedy und dessen Tod brauchte das Fernsehen ein schwarzes Bild unterlegt mit Trauermusik. Wenn mich eine meiner ersten prägenden TV-Erinnerungen nicht trügt, lief der Fernseher sehr lange, sehr beunruhigend, mit Schwarzbild und Klassik weiter.

Was heißt das? Ist der Riß im Sendefluss, durch den plötzlich Wirklichkeit dringt, mehr als eine (Bild-)Störung? Ist er gerade die Dosis Realität, durch den der Cocktail TV-Genuss erst seine Suchtkomponente erhält?

Wenn ja, wäre die Nirwana-Maschine auch so zu definieren (Walter Benjamin läßt grüßen):

Zerstreute Entspannung mit Einlage von Realitäts-Chocs – perfekter, schockweiser Nervenkitzel und vielleicht einzig erträgliche Methode, die Realität an sich heranzulassen.

Diese Choc-Komponente hat Herr Enzensberger vielleicht etwas nachlässig behandelt, auch wenn er seinen Benjamin sicher auswendig kann.

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