Café Lascaux – Medien / Politik / Philosophie

Ein Blog von Heinz-Günter Weber

Monatsarchive: August 2012

„Nachrichten sind uns egal“ – Gut so!

Ein schönes Beispiel für den selbstvergessenen, kulturpessimistischen Standardreflex deutscher Medien auf digitale Neuerungen liefert ausgerechnet Spiegel Online.

Unter dem Titel „Nachrichten sind uns egal“ berichtet Spiegel Online (1) über eine „Wissensstudie unter Jugendlichen“ (2), die herausgefunden haben will, dass Jugendliche weniger an Nachrichten interessiert sind als Erwachsene und weniger über die aktuelle Nachrichtenlage wissen.

„Für das tagesaktuelle Geschehen hat das jetzt eine Studie der TU Dresden gezeigt. Demnach wissen Jugendliche deutlich weniger über aktuelle Nachrichten als Erwachsene. Nur 39 Prozent der Jugendlichen (14 bis 17 Jahre) und nur jeder zweite junge Erwachsene (18 bis 29 Jahre) haben der Untersuchung zufolge von den zwei wichtigsten Nachrichtenereignissen des Vortages gehört. Bei den über 30-Jährigen waren es 66 Prozent.“

Untersucht wurde das an Beispielen: Die Wissenschaftler wählten damals aktuelle Themen aus wie den Rücktritt von Horst Köhler, die Hilfen für Griechenland oder die AKW-Laufzeitverlängerung.

Spiegel Online leitet das Ganze so ein:

Es ist eine alte Klage der Erwachsenen: Jugendliche wüssten zu wenig, wahlweise über Geschichte, Politik oder Kultur. Sie seien desinteressiert, träge oder faul. Und immer wieder zeigen Studien, dass die Klagen zumindest teilweise eine tatsächliche Basis haben.

Immerhin erkennt der Spiegel, dass die Klage über interesselose Jugendliche einen mindestens 2500 Jahre langen Bart hat. Aber warum setzt ein selbsterklärtes Leitmedium wie „Spiegel Online“ ihr so wenig Konstruktives entgegen? Es wiederholt die Klage brav: Klar ist was dran, die Jugendlichen sind heute träge, faul und desinteressiert.

Könnte man nicht fragen, warum sich Jugendliche dafür nicht zu interessieren scheinen? Oder warum sie sich überhaupt für klassische Nachrichtenthemen interessieren sollten? Sind die Nachrichten aus ARD, ZDF, den Prviatsendern, dem Radio, den Zeitungen überhaupt relevant für sie? Die Jugendlichen haben heute, so vermute ich, ein besonderes Gespür dafür, was wichtig ist für sie und was nicht. Eine aktuelle Studie bei Audi über junge Mitarbeiter lobt diese „Eigensinnigkeit“: „Die Generation Y ändert die Unternehmen“ (3). Wenn man die Jugendlichen nicht nur als Mitarbeiter, sondern auch politisch ernst nimmt, könnte man Ihrem Empfinden und Ihrer Realität vielleicht etwas näher kommen, anstatt zu sie bequem und billig, lieber Spiegel, abzutun.

Information ist ein Unterschied, der einen Unterschied macht.“ (Gregory Bateso, Ökologie des Geistes). Machen Nachrichten für Jugendliche einen Unterschied? Macht es für Sie wirklich einen Unterschied, ob Horst Köhler Bundespräsident ist oder ein Herr Wulff? Macht es für sie wirklich einen Unterschied, wer welches Detail der AKW-Laufzeitverlängerung wie kommentiert? Nachrichtensendungen sind heute viel zu sehr Teil des politischen Spiels,  man könnte sie als von verschiedenen Interessen geradezu „verzinkt“ betrachten, als dass die Nachrichten per se Informationen wären. Sind Nachrichtensendungen mehr wert als das Ritual, das sie darstellen?

Hier soll nicht die Wichtigkeit und auch Macht der „Vierten Gewalt“ der Medien im demokratischen Prozess in Frage gestellt werden. Aber es darf einmal gesagt werden, dass Nachrichten erstens Teil eines politischen Systems sind, von dem sich zweitens Jugendliche besonders häufig ausgegrenzt fühlen. Für Jugendliche interessante Politik findet an den Rändern statt, kaum noch im System: Auf ACTA-Demonstrationen, in Anonymous-Zirkeln, bei privatem Engagement und in sozialen Netzen. Zumindest der Teil der gebildeten Jugend, die Medienkompetenz besitzen, kann sich von Fernsehnachrichten nicht mehr ausreichend und kaum noch über das Richtige informiert fühlen.

Neu ist gegenüber früheren Protesten wie der APO, der Nachrüstungsdiskussion oder der Anti-AKW-Bewegung, dass die Jugendlichen heute eine andere Wahlmöglichkeit haben. Sie haben andere Medien der Verständigung, auch weniger gefilterte: Twitter zum Beispiel im eher öffentlichen Bereich, Facebook, SMS und das Smartphone im eher privaten.

Nachrichten und Politik werden weitegehend über die Köpfe der Jugendlichen hinweg gemacht. Der politische Prozess inklusive seiner medialen Begleitung durch die klassischen Medien erfüllt nicht mehr ihre Ansprüche auf Relevanz oder Anteilnahme. Der Anteil von jungen Wählern an den Wahlergebnissen der Piraten spricht dazu Bände.

Das Phänomen betrifft nicht nur das Deutschland. David Buckingham, Professor am Institute of Education der London University und nominiert für die „Academy of Social Sciences“ in England, bringt es auf den Punkt:

“By and large, young people are not defined by society as political subjects, let alone as political agents. Even in the areas of social life that affect and concern them to a much greater extent than adults–most notably education–political debate is conducted almost entirely ‘over their heads’” (zitiert in 4)

Was wirklich relevant ist, das findet in Hinterzimmern, beim Lobbying, bei Geheimdiensten, im Big Business – oder öffentlich, aber außerhalb der erlaubten Wege statt – siehe auch Occupy, siehe Tunesien und Ägypten. Diese Lektion haben Jugendliche heute gelernt.

Der amerikanische Medienwissenschaftler Henry Jenkins beschreibt internationale Politik, wie sie von den Nachrichten konstruiert wird, als Zuschauersport:

Politics, as constructed by the news, becomes a spectator sport, something we watch but do not do. Yet, the new participatory culture offers many opportunities for youth to engage in civic debates, to participate in community life, to become political leaders, even if sometimes only through the “second lives” offered by massively multiplayer games or online fan communities. (4)

Man kann es also durchaus als Zeichen gelungener Medienbildung verstehen, wenn Jugendliche sich dem Nachrichtenritual der klassischen Medien teilweise verweigern.
Anmerkungen:

(1) Spiegel Online – „Nachrichten sind uns egal“

(2) Studie TU Dresden

(3) Spiegel Online „Die Generation Y ändert die Unternehmen“

(4) Confronting the Challenges of Participatory Culture: Media Education for the 21st Century, Henry Jenkins

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Krise der Demokratie – Belegt von EU-Studie

Political theorist Ivan Krastev believes that we are witnessing a “crisis of democracy.”

„There appears to be little dissent in Europe or the United States about whether democracy is the best form of government, Krastev says in a foreboding talk given at TEDGlobal 2012. “Democracy is the only game in town,” says Krastev. “The problem is that many people have started to believe that it is not a game worth playing.”

Overall, 89% of Europeans believe that there is a gap between policymakers and the public.“

Krastev pulled these numbers from the European Commission’s “Future of Europe” public opinion survey, published in April 2012.

Quelle:
TED Blog | How pervasive has government distrust gotten?.

Vom Biedermeier in die partizipatorische Kultur

Deutschlands Umgang mit Öffentlichkeit wandelt sich: Public Viewing, Wutbürger auf den Straßen, Millionen von Facebook-Nutzern, Liquid Democracy selbst in der CDU (1).

Der Biedermeier-Kokon, in dem sich Deutschlands Bürger noch in der Ära Kohl eingeschlossen hatten, öffnet sich. Die Ichlinge der 80er vereinten sich in den Neunzigern zur Spaß-Kultur (Kohl’s Fehlinterpretation: „kollektiver Freizeitpark“). Dann kam die Ernsthaftigkeit zurück: Fischer und Schröder, Jugoslawien und die Verteidigung Deutschlands am Hindukusch. Aus der Spaß- wurde die Wir-Kultur – das hieß jetzt auch wieder Familie und Werte. Und aktuelle Stichworte sind: Runde Tische, Foren, Zukunftswerkstätten. Darüberhinaus sind wir jetzt alle Freunde: Willkommen in der Beteiligungs-Kultur.

Schon die WM 2006 war ein Phänomen – Ungehemmt wurde sich gefreut und geweint, gejubelt und getrauert – Hauptsache gemeinsam. Der Erfolg des Public Viewing überraschte. Zur Sonne, zur Freiheit, zur Öffentlichkeit – Dieser Trend wurde Teil des deutschen Sommermärchens.

Raus aus dem Wohnzimmer, dem Schrebergarten, der Stammkneipe. Es wird nicht mehr nur konsumiert, es wird agiert. Immer offensiver verlangen Bürger ihre Teilhabe an Entscheidungen, es wird gebloggt und getwittert.

Die „Glotze“ verliert an Boden, wird vom Internet – Facebook eingeschlossen – überholt in der täglichen Nutzungsdauer. 14-29 jährige surften länger im Internet als sie TV sahen laut der ARD-ZDF-Onlinestudie 2011 (2).

Konflikte zwischen legitim beanspruchter Anteilnahme und formeller Demokratie werden zu Schlichtungspolitik erhoben und im öffentlichen Fernsehen ausgetragen (Stuttgart 21).

Der Trend hat einen Namen: Partizipatorische Kultur. Eine Kultur der Beteiligung und Teilnahme, Aktivität löst die Passivität der Konsumkultur ab. Das ist keine neue bürgerliche Revolution, wie der Vormärz nach der Biedermeierzeit, aber vielleicht eine bürgerliche Rebellion. Während sich die bürgerliche Revolution der Restaurationszeit gegen die Wiederherstellung der Adels- und Fürstenmacht nach der französischen Revolution richtete, lehnt sich die bürgerliche Rebellion unserer Tage auf gegen Klüngelwirtschaft und eingefahrene Entscheidungsstrukturen von Behörden, Ämtern, Ausschüssen und Politik.

Partizipatorische Kultur ist ein Trend, aber in der Realität noch weitgehend ein Versprechen. Der amerikanische Medienwissenschaftler Henry Jenkins und die Co-Autoren Ravi Purushotma, Katie Clinton, Margaret Weigel und Alice Robison Autor beschrieben sie (3) als eine Kultur

  1. mit relativ niedrigen Schranken für den künstlerischen Ausdruck und bürgerschaftliches Engagement
  2. mit starker Unterstützung für die Erstellung und gemeinsame Nutzung von Kreationen mit anderen
  3. mit einer Art von informellen Mentoring, Weitergabe von Wissen von Erfahrenen an Neulinge
  4. in der die Mitglieder glauben, dass ihre Beiträge von Bedeutung sind
  5. in der die Mitglieder ein gewisses Maß an sozialer Verbindung untereinander empfinden (sie sind zumindest daran interessiert, was andere zu ihren Kreationen sagen)

Das Internet ist nicht die Ursache dieser Rebellion, aber  die Rebellion macht es zu ihrem Werkzeug. Das Web 2.0 – auf dieses Phänomen war der Begriff partizipatorische Kultur von den amerikanischen Medienwissenschaftlern hin gemünzt – ist ein Werkzeug, das mittelfristig vielleicht zu einer Demokratie  führen kann, in der außerparlamentarische Kräfte einen größeren Einfluss erhalten – APO 2.0.

APO 2.0

Facebook ist ein Symptom des Trends, Liquid Democracy ein anderes. Beide – und andere soziale Netze und Technologien – müssen noch beweisen, dass sie dem partizipatorischen Anspruch wirklich gewachsen sind. Längst haben Spieltheoretiker und Mathematiker schlüssig herausgefunden (4), dass gut vernetzte Gemeinschaften (unter der Bedingung, dass Reputation sichtbar im Spiel ist) ohne Beteiligung von Politikern in der Problemlösung in der Regel besser abschneiden als mit Politikern.

Auch das wäre noch in realiter zu beweisen. Zukunftsaufgaben wie Klimawandel, Atomausstieg, Wasserknappheit oder Welternährung stellen die Probe aufs Exempel dar, ob vernetzte Diskussions- und Entscheidungsformen die bisher entwickelten politischen Modelle produktiv ergänzen können. Aber das ist ein eigenes Thema.

Wir werden jedenfalls, wie es aussieht, jede Kreativität, jede Ernsthaftigkeit, jede Gemeinsamkeit und jede Zuversicht brauchen. Ob bei Netzwerk-Programmieren, bei Regierungen, Unternehmen oder auf den Straßen. Wenn wir es schaffen – dann gemeinsam.

Anmerkungen:

(1) Liquid-Feedback-Einsatz NRW – Union will Piratentaktik kopieren – Spiegel Online

(2) ARD-ZDF-Onlinestudie 2011: Mediennutzung

(3) Confronting the Challenges of Participatory Culture: Media Education for the 21st Century, Henry Jenkins

(4) „Egoismus schafft Gemeinsinn“, http://www.evolbio.mpg.de/pdf/Egoismus.pdf, Prof. Dr. Manfred Milinski, sowie „Reputation helps solve the ‚tragedy of the commons'“. Nature 415:424-426 (2002), Milinski M., Semmann D., Krambeck H.-J.

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