Café Lascaux – Medien / Politik / Philosophie

Ein Blog von Heinz-Günter Weber

Marketing-Chef? Das war dem Papst zu wenig

Papst Benedikt XVI. ist zurückgetreten. Wollte er keine Botschaft überbringen, die nicht mehr zum Unternehmen Kirche passt? Eine Frage übrigens, die auch unsere Politiker Grund zu stellen hätten.

Eines vorweg: Ich bin kein Katholik, respektiere aber trotzdem jeden, dem der Glaube an einen Gott Halt und Hoffnung gibt. Ich sehe mich auch als religiös in dem Sinn, wie es der lateinische Wortursprung ausdrückt: religere – anbinden, zurückbinden, sich zurückbinden, sich über seine Herkunft Gedanken machen. Der stoische Philosoph Poseidonios, Schüler Ciceros, legt dar, dass religio in erster Linie als Urphänomen des Menschen angesehen werden muss: „Ein allen Menschen eigentümlicher Drang, die Wirklichkeit und Wahrheit der Welt zu erforschen“ (Nach Erich Satter). Ein Drang, dem unzweifelhaft auch der zurückgetretene bayerische Papst folgte.

Dieser Rücktritt wird von vielen als größter Reformschritt seiner Amtszeit angesehen, er vermenschlicht das Amt und befreit die künftigen Stellvertreter Gottes davon, ihr  Kreuz bis zum Ende zu tragen. Der Schritt wird sogar für revolutionär erachtet – in einem Kommentar zu Michael Jägers Artikel schreibt Freitag-User Laubfrosch:

Ratzinger macht das Amt Petri menschlich, und damit auch fehlbar und politisch. Die Unfehlbarkeit des Papstes als Stellvertreter Gottes weicht damit einem ganz anderen Selbstverständnis; das wird enorme Folgen für die Institution römisch katholische Kirche haben. Eine größere Revolution hätte er anders kaum auslösen können.

Noch ist kaum abzusehen, was der Schritt für viele Gläubige bedeutet, für die das Amt heilig ist, für die der Papst eine befreiende, erlösende Botschaft überbringt. In Lateinamerika hat der Rücktritt wie ein Blitz eingeschlagen, der das Blut in den Adern gefrieren lässt.

Mit seinem Rücktritt fallen nun zum ersten Mal in neuer Zeit Religion und Kirche sichtbar auseinander. Der Papst ist/war ja nicht nur Oberhirte der Katholiken, sondern auch Staats- und Konzernchef im Vatikan. Er musste gleichzeitig spirituell und CEO sein, und – so kann man den Rücktritt auch verstehen – dies geht für ihn nicht mehr zusammen.

Für Joseph Ratzinger ließ sich die spirituelle, theologische Denkweise nicht mehr mit den Machterfordernissen des Unternehmens Kirche vereinbaren. Für ihn muss es ein schwieriges meschliches Drama sein.

Von außen gesehen, nüchterner: Wenn die Botschaft nur noch Botschaft ist, nicht mehr Kern, dann passt sie nicht mehr zum Unternehmen. Dann tritt ein „Marketing-Chef“ zurück, und das spirituelle Versprechen der „Erlösung“ fällt ab. Zurück bleibt ein Vatikan als höchst irdisches Monster aus Verflechtungen und Intransparenz. Nils Minkmar in der FASZ schreibt unter das „Märchen“ von einem Vatikan, in dem „Mafia, Geheimdienste und ihre Genossen in der Finanzbranche“ kaum noch zu bändigen gewesen seien (der Artikel liegt online nur in einer kürzeren Version vor).

Minkmar stützt sich bei seiner Einschätzung auf den italienischen Journalisten und Vatikan-Experten Guigliano Nuzzi, der die aus dem Arbeitszimmer des Papstes gestohlenen Vatileaks-Papiere veröffentlicht hat.

„Ratzinger ist ein Theologe. Er versteht im Grunde nichts vor Wirtschaft. … Das größte Problem ist die Vatikan-Bank IOR. Die EU fordert Transparenz, weil die Geldwäsche-Praktiken gegen jedes internationale Recht verstoßen. … De facto kann im Moment niemand einen Überblick haben, es gibt keine Transparenz … Die reichen katholischen Länder, vor allem Spanien und Italien, spenden weniger. Die Einnahmen gehen zurück, weshalb auch die Ausgaben gekürzt werden müssen. … Die katholische Kirche ist immer noch sehr reich. Sie wird nicht pleitegehen. Aber sie kann nicht mehr so weiter wirtschaften wie bisher.“ (Quelle)

Aber anti-kirchliche oder anti-religiöse Schadenfreude scheint mir nicht angesagt. Denn wie es Joseph Ratzinger im Vatikan ergangen sein mag – isoliert, ohnmächtig, vielleicht sogar verhöhnt – so geht es anderen Staatsführern auch. Reden wir nicht schon lange von der Ohnmacht der Politik gegenüber den Märkten?

In seinem Artikel zitiert Nils Minkmar auch den ehemaligen französischen Minister Bruno Le Maire, der ein seinen Memoiren von einer dramatisch schwindenen Macht der europäischen Regierungen schreibe, die geradezu aufgefressen werde vonn Finanzmärkten, Mafias, Pensionsfonds und aufstrebenden Mächten.

Der Rücktritt des Papstes mahnt auch außerhalb der Religion eine andere Auseinandersetzung an. Wir brauchen eine Rückeroberung der Politik und der Entscheidungsprozesse, der Debatten. Denn auch das urkapitalistische Versprechen von Fortschritt und Freiheit könnte sich als reines Erlösungsmärchen, als Marketing-Hülse, als Werbesprech erweisen. Dass aber Freiheit und Fortschritt noch dringend gebraucht werden, vergessen wir im gesättigten Mitteleuropa manchmal, und wir sollten  nicht müde werden, sie einzufordern und zu erarbeiten.

Papst Benedikt hat vor diesem Monster kapituliert. Vielleicht hat ihm am Ende nicht nur die menschliche Kraft, sondern auch, Lust, Glaube und politisches Talent gefehlt, gegen die sehr irdische und materialistische Erscheinung zu kämpfen.

Und was tun unsere Politiker gegen das gleiche gefräßige Monsters aus Verflechtungen und Intransparenz?  Rücktritt, Burnout, Laissez-Faire?

Immerhin sind „wir“ (ein bürgerlicher Plural ist hier gemeint) in unseren Gesellschaften viele, und „wir“ sind vernetzter als der Papst – so dass wir nicht unbedingt kapitulieren müssen. Mit Neuwahlen allein wird das aber wohl nirgends zu lösen sein. „Wir“ müssen die Politiker retten, brauchen eine Weiterentwicklung der Systeme. Das hätte der Papst vielleicht auch haben können, mit Öffnung, Transparenz, Modernisierung der Kirche, aber das war nicht sein Weg.

Statt Laissez-Faire brauchen wir eine demokratische Debatte um die Zukunft.

„Gesellschaften scheitern, das zeigt die Geschichte, nicht an Rohstoffknappheiten oder Umweltproblemen oder Arm-Reich-Differenzen. Sie scheitern an ihren übersteigerten inneren Ängsten“ behauptet der Zukunfstforscher Matthias Horx (Quelle s.u.).

Also nehmen „wir“ den Rücktritt ernst, als Warnung, aber nicht als Angstmache vor dem Monster. Nochmal Matthias Horx:

„Warum fasziniert sie uns trotzdem immer wieder so unheimlich, die Apokalypse? Es ist, paradoxerweise, die Liebe, die sich nach Endzeit sehnt. … Offenbar brauchen wir die apokalyptische Kulisse, um wahre Gefühle zu zeigen. Wir lieben den Untergang, weil dann alles klar und endgültig und eindeutig wird. Diese atavistische Sehnsucht nach dem Erstfall ist brandgefährlich“.
Quelle: Matthias Horx, in einer Besprechung zum Film „Die kommenden Tage“

Vielleicht ist das die Warnung, die von diesem Rücktritt ausgehen kann: Unsere politischen Vertreter brauchen mehr mehr Bescheidenheit und mehr Demut vor dem „wir“ – denn allein können sie die Probleme nicht lösen. Und Apokalypse wollen wir höchstens gelegentlich zur Unterhaltung.

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