Café Lascaux – Medien / Politik / Philosophie

Ein Blog von Heinz-Günter Weber

Kategorie-Archiv: Facebook

Auch R.D. Precht prophezeit das Ende von Facebook

Jetzt prophezeit auch Populär-Philosoph Richard David Precht das „Ende von Facebook“. Er attestiert den Printmedien, sie eigneten sich besser als „sozialer Kitt“. Und übersieht bei seiner Gegenüberstellung mit Facebook, dass die Medien Print und Netz sich an grundsätzlich verschiedene Öffentlichkeiten wenden. Dass es klassische Öffentlichkeiten (oder weiter gefasst: Gesellschaften) überhaupt noch als verlässliche (in ausreichener Menge und Aggregation zahlungswillige) Zielpublika gibt, lässt die aktuelle Print-Krise (Ende von Frankfurter Rundschau und Financial Times Deutschland) allerdings bezweifeln. Es sei denn, sie haben sich ihr Zielpublikum selbst gezogen und gepflegt – Beispiele sind Spiegel oder auch Bild. Oder es sind schlicht strukurell, z.B. regional, definierte Zielgruppen, den Anzeigenblättchen geht es nicht schlecht.

Precht prophezeit das Ende von Facebook – solinger-tageblatt.de.

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Vom Biedermeier in die partizipatorische Kultur

Deutschlands Umgang mit Öffentlichkeit wandelt sich: Public Viewing, Wutbürger auf den Straßen, Millionen von Facebook-Nutzern, Liquid Democracy selbst in der CDU (1).

Der Biedermeier-Kokon, in dem sich Deutschlands Bürger noch in der Ära Kohl eingeschlossen hatten, öffnet sich. Die Ichlinge der 80er vereinten sich in den Neunzigern zur Spaß-Kultur (Kohl’s Fehlinterpretation: „kollektiver Freizeitpark“). Dann kam die Ernsthaftigkeit zurück: Fischer und Schröder, Jugoslawien und die Verteidigung Deutschlands am Hindukusch. Aus der Spaß- wurde die Wir-Kultur – das hieß jetzt auch wieder Familie und Werte. Und aktuelle Stichworte sind: Runde Tische, Foren, Zukunftswerkstätten. Darüberhinaus sind wir jetzt alle Freunde: Willkommen in der Beteiligungs-Kultur.

Schon die WM 2006 war ein Phänomen – Ungehemmt wurde sich gefreut und geweint, gejubelt und getrauert – Hauptsache gemeinsam. Der Erfolg des Public Viewing überraschte. Zur Sonne, zur Freiheit, zur Öffentlichkeit – Dieser Trend wurde Teil des deutschen Sommermärchens.

Raus aus dem Wohnzimmer, dem Schrebergarten, der Stammkneipe. Es wird nicht mehr nur konsumiert, es wird agiert. Immer offensiver verlangen Bürger ihre Teilhabe an Entscheidungen, es wird gebloggt und getwittert.

Die „Glotze“ verliert an Boden, wird vom Internet – Facebook eingeschlossen – überholt in der täglichen Nutzungsdauer. 14-29 jährige surften länger im Internet als sie TV sahen laut der ARD-ZDF-Onlinestudie 2011 (2).

Konflikte zwischen legitim beanspruchter Anteilnahme und formeller Demokratie werden zu Schlichtungspolitik erhoben und im öffentlichen Fernsehen ausgetragen (Stuttgart 21).

Der Trend hat einen Namen: Partizipatorische Kultur. Eine Kultur der Beteiligung und Teilnahme, Aktivität löst die Passivität der Konsumkultur ab. Das ist keine neue bürgerliche Revolution, wie der Vormärz nach der Biedermeierzeit, aber vielleicht eine bürgerliche Rebellion. Während sich die bürgerliche Revolution der Restaurationszeit gegen die Wiederherstellung der Adels- und Fürstenmacht nach der französischen Revolution richtete, lehnt sich die bürgerliche Rebellion unserer Tage auf gegen Klüngelwirtschaft und eingefahrene Entscheidungsstrukturen von Behörden, Ämtern, Ausschüssen und Politik.

Partizipatorische Kultur ist ein Trend, aber in der Realität noch weitgehend ein Versprechen. Der amerikanische Medienwissenschaftler Henry Jenkins und die Co-Autoren Ravi Purushotma, Katie Clinton, Margaret Weigel und Alice Robison Autor beschrieben sie (3) als eine Kultur

  1. mit relativ niedrigen Schranken für den künstlerischen Ausdruck und bürgerschaftliches Engagement
  2. mit starker Unterstützung für die Erstellung und gemeinsame Nutzung von Kreationen mit anderen
  3. mit einer Art von informellen Mentoring, Weitergabe von Wissen von Erfahrenen an Neulinge
  4. in der die Mitglieder glauben, dass ihre Beiträge von Bedeutung sind
  5. in der die Mitglieder ein gewisses Maß an sozialer Verbindung untereinander empfinden (sie sind zumindest daran interessiert, was andere zu ihren Kreationen sagen)

Das Internet ist nicht die Ursache dieser Rebellion, aber  die Rebellion macht es zu ihrem Werkzeug. Das Web 2.0 – auf dieses Phänomen war der Begriff partizipatorische Kultur von den amerikanischen Medienwissenschaftlern hin gemünzt – ist ein Werkzeug, das mittelfristig vielleicht zu einer Demokratie  führen kann, in der außerparlamentarische Kräfte einen größeren Einfluss erhalten – APO 2.0.

APO 2.0

Facebook ist ein Symptom des Trends, Liquid Democracy ein anderes. Beide – und andere soziale Netze und Technologien – müssen noch beweisen, dass sie dem partizipatorischen Anspruch wirklich gewachsen sind. Längst haben Spieltheoretiker und Mathematiker schlüssig herausgefunden (4), dass gut vernetzte Gemeinschaften (unter der Bedingung, dass Reputation sichtbar im Spiel ist) ohne Beteiligung von Politikern in der Problemlösung in der Regel besser abschneiden als mit Politikern.

Auch das wäre noch in realiter zu beweisen. Zukunftsaufgaben wie Klimawandel, Atomausstieg, Wasserknappheit oder Welternährung stellen die Probe aufs Exempel dar, ob vernetzte Diskussions- und Entscheidungsformen die bisher entwickelten politischen Modelle produktiv ergänzen können. Aber das ist ein eigenes Thema.

Wir werden jedenfalls, wie es aussieht, jede Kreativität, jede Ernsthaftigkeit, jede Gemeinsamkeit und jede Zuversicht brauchen. Ob bei Netzwerk-Programmieren, bei Regierungen, Unternehmen oder auf den Straßen. Wenn wir es schaffen – dann gemeinsam.

Anmerkungen:

(1) Liquid-Feedback-Einsatz NRW – Union will Piratentaktik kopieren – Spiegel Online

(2) ARD-ZDF-Onlinestudie 2011: Mediennutzung

(3) Confronting the Challenges of Participatory Culture: Media Education for the 21st Century, Henry Jenkins

(4) „Egoismus schafft Gemeinsinn“, http://www.evolbio.mpg.de/pdf/Egoismus.pdf, Prof. Dr. Manfred Milinski, sowie „Reputation helps solve the ‚tragedy of the commons'“. Nature 415:424-426 (2002), Milinski M., Semmann D., Krambeck H.-J.

Das Ende von Facebook

Das Ende von Facebook – so sollte der Titel eines Buches heißen, das mir im Februar 2012 zu schreiben vorgeschlagen wurde. Veröffentlichungstermin: Zum Börsengang!

Das war klug gedacht!

Aber nicht leicht gemacht – denn erstens war und bin ich nicht vom „Ende von Facebook“ überzeugt. Und zweitens wollte ich nicht unter Zeitdruck in lockerer Dialogform über mögliche Szenarien für das Ende von Facebook dampfplaudern.

Dabei gibt es durchaus Szenarien, die schon mitten im Hype vor dem Börsengang im Mai Facebook’s Ende hatten möglich erscheinen lassen:

  • Politisches Szenario: Facebook diskreditiert sich durch Fälle von Zensur (etwa im Westen, USA/GB)
  • Technisch: Es taucht ein mächtiger Konkurrent auf – Google+, Apple? – und würde z.B. Facebook’s Schwäche im mobilen Markt ausnutzen (Zuckerberg’s Alptraum)
  • Strategisch: Kooperationen z.B. mit Zynga, dem größten Hersteller von Spielen auf Facebook, zerschlagen sich
  • Wirtschaftlich: Facebook kann nicht mehr schnell weiter wachsen, Erwartungen weden enttäuscht, Facebook wird zum Übernahmekandidaten
  • Break of Fair Use: Der Druck von Großaktionären lässt für den User die Balance zwischen Nutzen und Kosten (durch zu umfassend gesammelte und zu transparente Verbraucherdaten, Datenmißbrauch, …) zu Lasten der Kosten abrutschen
  • Usability und Datenschutz: Facebook wird konfus und undurchschaubar, sinkendes Vertrauen in die Kosten/Nutzen-Balance (siehe obigen Punkt)

Heute ist der Börsengang Geschichte – der Hype ist vorbei. Die hochgesteckten Erwartungen wurden enttäuscht, aber Facebook existiert natürlich weiter und wächst.

Facebook ist vom Aufreger zur Selbstverständlichkeit geworden.

Keines der oben genannten Szenarien ist eingetreten bislang.

Aber was ist da passiert? Keine Technologie bislang hat in so kurzer Zeit solche Verbreitung gefunden. Es gibt heute fast so viele Facebook-Nutzer wie feste Telefonanschlüsse weltweit (2007: 1,27 Milliarden feste Telefonanschlüsse laut UN Studie) – das Telefon gibt es seit über 150 Jahren.

Ich habe den Eindruck: Nicht eine Technologie hat sich durchgesetzt. Sondern ein latentes Massenbedürfnis hat sich seinen Weg gebahnt – mit Hilfe von Facebook als Werkzeug.

Darüber zu schreiben wäre nicht uninteressant:

  • Über Facebook zu schreiben, heißt über ein Medium zu schreiben. Und über Medien zu schreiben hieße auch über Sinne und Denken zu schreiben
  • Über Facebook zu schreiben heißt, Verhaltensmuster zu erkennen, die sich bisherigen Kulturmustern zumindest in Europa entgegenstellen
  • Über Facebook’s Zukunft – oder besser das Potential von Netzwerken (eines anderen Netzwerks? anderen Facebooks?) – zu schreiben, könnte bedeuten, über Freude am Lernen und Denken zu schreiben – etwas was in Europa seit 2500 Jahren aus den Schulen und Universitäten vertrieben ist  …
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