Café Lascaux – Medien / Politik / Philosophie

Ein Blog von Heinz-Günter Weber

Kategorie-Archiv: Kultur

Vom Biedermeier in die partizipatorische Kultur

Deutschlands Umgang mit Öffentlichkeit wandelt sich: Public Viewing, Wutbürger auf den Straßen, Millionen von Facebook-Nutzern, Liquid Democracy selbst in der CDU (1).

Der Biedermeier-Kokon, in dem sich Deutschlands Bürger noch in der Ära Kohl eingeschlossen hatten, öffnet sich. Die Ichlinge der 80er vereinten sich in den Neunzigern zur Spaß-Kultur (Kohl’s Fehlinterpretation: „kollektiver Freizeitpark“). Dann kam die Ernsthaftigkeit zurück: Fischer und Schröder, Jugoslawien und die Verteidigung Deutschlands am Hindukusch. Aus der Spaß- wurde die Wir-Kultur – das hieß jetzt auch wieder Familie und Werte. Und aktuelle Stichworte sind: Runde Tische, Foren, Zukunftswerkstätten. Darüberhinaus sind wir jetzt alle Freunde: Willkommen in der Beteiligungs-Kultur.

Schon die WM 2006 war ein Phänomen – Ungehemmt wurde sich gefreut und geweint, gejubelt und getrauert – Hauptsache gemeinsam. Der Erfolg des Public Viewing überraschte. Zur Sonne, zur Freiheit, zur Öffentlichkeit – Dieser Trend wurde Teil des deutschen Sommermärchens.

Raus aus dem Wohnzimmer, dem Schrebergarten, der Stammkneipe. Es wird nicht mehr nur konsumiert, es wird agiert. Immer offensiver verlangen Bürger ihre Teilhabe an Entscheidungen, es wird gebloggt und getwittert.

Die „Glotze“ verliert an Boden, wird vom Internet – Facebook eingeschlossen – überholt in der täglichen Nutzungsdauer. 14-29 jährige surften länger im Internet als sie TV sahen laut der ARD-ZDF-Onlinestudie 2011 (2).

Konflikte zwischen legitim beanspruchter Anteilnahme und formeller Demokratie werden zu Schlichtungspolitik erhoben und im öffentlichen Fernsehen ausgetragen (Stuttgart 21).

Der Trend hat einen Namen: Partizipatorische Kultur. Eine Kultur der Beteiligung und Teilnahme, Aktivität löst die Passivität der Konsumkultur ab. Das ist keine neue bürgerliche Revolution, wie der Vormärz nach der Biedermeierzeit, aber vielleicht eine bürgerliche Rebellion. Während sich die bürgerliche Revolution der Restaurationszeit gegen die Wiederherstellung der Adels- und Fürstenmacht nach der französischen Revolution richtete, lehnt sich die bürgerliche Rebellion unserer Tage auf gegen Klüngelwirtschaft und eingefahrene Entscheidungsstrukturen von Behörden, Ämtern, Ausschüssen und Politik.

Partizipatorische Kultur ist ein Trend, aber in der Realität noch weitgehend ein Versprechen. Der amerikanische Medienwissenschaftler Henry Jenkins und die Co-Autoren Ravi Purushotma, Katie Clinton, Margaret Weigel und Alice Robison Autor beschrieben sie (3) als eine Kultur

  1. mit relativ niedrigen Schranken für den künstlerischen Ausdruck und bürgerschaftliches Engagement
  2. mit starker Unterstützung für die Erstellung und gemeinsame Nutzung von Kreationen mit anderen
  3. mit einer Art von informellen Mentoring, Weitergabe von Wissen von Erfahrenen an Neulinge
  4. in der die Mitglieder glauben, dass ihre Beiträge von Bedeutung sind
  5. in der die Mitglieder ein gewisses Maß an sozialer Verbindung untereinander empfinden (sie sind zumindest daran interessiert, was andere zu ihren Kreationen sagen)

Das Internet ist nicht die Ursache dieser Rebellion, aber  die Rebellion macht es zu ihrem Werkzeug. Das Web 2.0 – auf dieses Phänomen war der Begriff partizipatorische Kultur von den amerikanischen Medienwissenschaftlern hin gemünzt – ist ein Werkzeug, das mittelfristig vielleicht zu einer Demokratie  führen kann, in der außerparlamentarische Kräfte einen größeren Einfluss erhalten – APO 2.0.

APO 2.0

Facebook ist ein Symptom des Trends, Liquid Democracy ein anderes. Beide – und andere soziale Netze und Technologien – müssen noch beweisen, dass sie dem partizipatorischen Anspruch wirklich gewachsen sind. Längst haben Spieltheoretiker und Mathematiker schlüssig herausgefunden (4), dass gut vernetzte Gemeinschaften (unter der Bedingung, dass Reputation sichtbar im Spiel ist) ohne Beteiligung von Politikern in der Problemlösung in der Regel besser abschneiden als mit Politikern.

Auch das wäre noch in realiter zu beweisen. Zukunftsaufgaben wie Klimawandel, Atomausstieg, Wasserknappheit oder Welternährung stellen die Probe aufs Exempel dar, ob vernetzte Diskussions- und Entscheidungsformen die bisher entwickelten politischen Modelle produktiv ergänzen können. Aber das ist ein eigenes Thema.

Wir werden jedenfalls, wie es aussieht, jede Kreativität, jede Ernsthaftigkeit, jede Gemeinsamkeit und jede Zuversicht brauchen. Ob bei Netzwerk-Programmieren, bei Regierungen, Unternehmen oder auf den Straßen. Wenn wir es schaffen – dann gemeinsam.

Anmerkungen:

(1) Liquid-Feedback-Einsatz NRW – Union will Piratentaktik kopieren – Spiegel Online

(2) ARD-ZDF-Onlinestudie 2011: Mediennutzung

(3) Confronting the Challenges of Participatory Culture: Media Education for the 21st Century, Henry Jenkins

(4) „Egoismus schafft Gemeinsinn“, http://www.evolbio.mpg.de/pdf/Egoismus.pdf, Prof. Dr. Manfred Milinski, sowie „Reputation helps solve the ‚tragedy of the commons'“. Nature 415:424-426 (2002), Milinski M., Semmann D., Krambeck H.-J.

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Warum „Café Lascaux“?

Mir gefällt der Gedanke, dass die Funktion der Medien für unsere Zivilisation heute eine ähnliche sein könnte,  wie es die der Höhlengemälde für die Menschen vor 15.000 Jahren waren. Die Funktion ist zwar nicht letztendlich geklärt – aber es ist nicht zu bestreiten, dass das Auftreten der Höhlenkunst mehr war als „Art pour l’art“ – mehr als Dekoration oder Zeitvertreib. Einiges deutet darauf hin, dass es um Kommunikation ging – mit Jagdgöttern, mit dem Kosmos, mit anderen Clans …  nicht zuletzt um die Jagd erfolgreich zu machen, Wissen zu tradieren und das Überleben der Clans zu sichern.

Die prähistorischen Höhlen Europas als erste soziale Netzwerke?

Es ist schon oft datauf hingewiesen worden: Man kommt kaum umhin, an „virtuelle Realitäten“ und an heutige Netzwerke zu denken, an die Intensität von „großem Kino“, wenn man sich die Erlebnisse der Höhlenbewohner im Zeitalter der Eiszeitkunst vorzustellen versucht (siehe Lascaux Video). Egal, ob es nun dort um die Beschwörung magischer Kräfte für die Jagd ging, um Orte für Schamanenreisen in andere Wirklichkeiten, um den Kontakt mit der Unterwelt und Götterwesen oder um die Vernetzung von Clans verschiedener Regionen untereinander.

Zunächst nur ein externer Link hierhin zu einer Zusammenfassung der bisherigen Deutungen der Höhlenmalerei von Lascaux durch den Journalisten Hans-Peter Willig.

Eine andere, neue Deutung ergibt sich aus den Arbeiten der französischen Wissenschaftlerin Chantal Jègues-Wolkiewiez: Sie deutet Lascaux als erstes Sternenobservatorium der Menschheit, als eine frühe „Kathedrale des Kosmos“, um mit der Buchautorin Sonja U. Klug zu sprechen – die den Titel allerdings auf Chartres bezieht.

Von Lascaux nach Hollywood, von Lascaux in den Cyberspace (-> Facebook) – und  (im ungünstigen Fall??) auch wieder zurück?

Manfred Faßler: Negativismus gegenüber Medien

„Der Negativismus gegenüber Medien speist sich also aus einer Fremdheit gegenüber den eigenen Gefühlen, einer Selbstveredelung des „reinen Geistes“, verbunden mit der Ablehnung der Heiterkeit, und der Fremdheit gegenüber den eigenen materialen, medien-technologischen Produkten. Zugespitzt wird dieser Negativismus durch Th. W. Adornos Formulierung und Ablehnung der „Kulturinduslrie“, der dann zahlreiche Nachdenkergenerationen folgten. Adornos Verdikt gegen die „Heiterkeit“ der „Kulturindustrie“, da sie „synthetisch, falsch, verhext“ sei (Th. W. Adorno 1974, S. 153), entzieht der Lebensfreude moralisierend die Selbstsorge. Das Entsetzen des Holocaust prägte diese massive Ablehnung des Mcdialen, vor allem, weil es den Völkermord während des Nationalsozialismus in Deutschland dem Vergessen anheim zu geben schien, – wogegen jede Polemik gerechtfertigt ist. Allerdings verliert der politisch-philosophische Kampf gegen den Holocaust und gegen jeden Genozid die Medienentwicklungen aus dem Blick. Adomo und die ihm folgende Kritische Theorie verlieren Medialität und Medienevolution aus dem wissenschaftlichen Fragefeld.“

Quelle: Manfred Faßler, „Erdachte Welten – Die Evolution globaler Kulturen“, SpringerWienNewYork, ISBN 1611-1885, S. 250

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