Café Lascaux – Medien / Politik / Philosophie

Ein Blog von Heinz-Günter Weber

Kategorie-Archiv: Netzwerke

#internetoptimismus: Auf der Suche nach dem verlorenen Netz

Das Internet ist ein Medium. Aber es ist nicht die Botschaft. Wir sitzen einer Verwechslung auf, wenn wir das Netz verloren geben für emanzipatorische Ansprüche.

Die Grenzkontrollstelle Rudolphstein/Hirschberg an der Autobahn München-Berlin war jedes Mal ein Ort der Beklemmung. Meist erst Kilometer weiter auf der Holperpiste durch die DDR löste sich das ungute Gefühl.

Wenn wir nach den Enthüllungen von Edward Snowden heute beklommen sind vom Eindruck, das Internet sei kaputt (FAZ) und das Internet gehöre der NSA (Die Zeit), dann spielt dabei auch eine Rolle, dass unser Blick auf das Netz derzeit verengt ist durch das obszöne Ausmaß der Überwachung .

Ein Netz, das für diejenigen unter uns (ich zähle mich dazu), die sich noch nicht dem allgemein verbreiteten (und bequemen: Revolution für Faule)  Kulturpessimismus hingeben haben, immer noch emanzipatorisches Potential besitzt. Oder besaß, bis Snowdon?

Vielleicht helfen ein paar grundsätzliche Überlegungen dabei, die Beklemmung oder digitale Kränkung zugunsten des Wiederfindens unserer Sprache zu überwinden.

A115-3
Auf dem Weg von München nach West-Berlin. Teil des alten Verlaufs der A115.


Was ist Information?

Edwards Snowdon hat uns zweifellos informiert: Wir hätten kaum für möglich gehalten, dass so schrankenlos Daten gesammelt und gespeichert werden können.

Aber nutzen die mit krimineller Leidenschaft und Milliardeninvestitionen gesammelten Daten den Geheimdiensten oder Regierungen eigentlich?

Wann werden Daten zu Information?

Die Geschichte erinnert uns, dass auch Herscher und Regime, die sich allergrößte Mühe mit Datensammeln machten und sich für bestinformiert hielten, an Blindheit der Realität gegenüber gelitten haben. Der KGB konnte den Untergang der Sowjetunion nicht verhindern, die Stasi nicht den der DDR und die Gestapo nicht den des Dritten Reichs. Genauso steht es um die Anschläge vom 11. September 2001: Längst zuvor stand in Lageinschätzungen der CIA, dass Terroristen mit gekidnappten Flugzeugen Ziele angreifen könnten.

Diese Information auf Basis abgehörter Daten wurde aber in einem Kontext interpretiert, der sie wertlos machte: Dem Gefühl der Unangreifbarkeit der Großmacht auf eigenem Terrain. Und dazu in zwei ebenso mächtigen Kontexten: der Bürokratie und der menschlichen Schwäche.

Mit Kontext meine ich Funktions- und Interpretationszusammenhang. Es braucht einen Interpretationszusammenhang, um Daten in Informationen zu verwandeln. Jeder arbeitet mit einen solchen Kontext – von blinden Flecken, Selbst- und Weltbild im allgemeinen bis Meinung im besonderen. Ein funktionaler Kontext sind  die Bedingungen, die historisch, ökonomisch, technisch usw.  zum Beispiel ein Medium herausbilden.

Wertlose Daten: Kein Geheimdienst der Welt kann  vor Wahrnehmungsdefiziten schützen

So konnte kein Geheimdienst der Welt einen Staat schützen, dessen Zeit gekommen war – der neue Kontexte nicht erkannte oder sie falsch einschätzte.

Das heißt, Daten, die aufgrund falscher oder verzerrender Kontexte interpretiert oder ganz ausgeblendet (sic: Verblendung) werden, sind keine Information. Sie sind wertlos.

Wertlos: Das waren zum Beispiel auch die von den Behörden gesammelten Daten zur NSU. Im Kontext der Unterschätzung rechtextremer Gewaltpotentials, im Kontext der Ausländerfeindlichkeit (Mord an Türken? Das muss aus deren „Umfeld“ kommen.)

Andererseits gibt genug Beispiele, dass rechtmäßig wie unrechtmäßig gesammelte Daten sehr wohl zu relevanten, ja tödlichen Informationen werden können. Die Facebook-Konten von Anführern der arabischen Rebellion führten zu Verhaftungen, und Emailverteiler mit weiteren Unterstützeradressen wurden per Folter herausgepresst.

Daten können also sehr wohl zu Waffen werden, wenn sie in einem Kontroll- und Gewaltkontext interpretiert werden.

Jedenfalls gilt: Daten + Kontext = Information.

Eine gesetzlose Informationssammlung und Überwachung hat uns in Russland, in China, in Saudi Arabien wenig überrascht. Hier hat sie uns zunächst sprachlos gemacht. Die Kanzlerin stammelt von #Neuland und Stasi. Ja, der unkontrollierte Schulterschluß von Geheimdiensten, Militär, Staat und Wirtschaft auf Basis purer technischer Machbarkeit ist ein Tabubruch in Gesellschaften, die sich noch demokratisch verfasst sehen.

Snowdons wirkliche Botschaft im Kontext des „freien Westens“ liegt in der Provokation, dass auch hier Volk und Parlamente weit entfernt sind von einer Rolle als  Souverän. Und ja, dass „unser Medium Internet“ die strukturelle Basis bietet für die Wiederauferstehung des Überwachungsstaates.


McLuhans Verwechslung:
Das Medium allein ist nicht die Botschaft

Wir sitzen allerdings einer Verwechslung auf, wenn wir das Internet verloren geben für emanzipatorische Ansprüche, für demokratische oder zumindest kooperative Konzepte. Denn das Internet ist zwar ein Medium, wie das Radio, das Telefon, das Fernsehen. Mit Marshal McLuhans berühmtem Diktum „Das Medium ist die Botschaft“ könnte man meinen: Die Botschaft des Internet ist die totale Kontrolle, auf der technischen Basis der allumfassenden Digitalisierung und der Speicherung auch noch kleinster Regungen der Nutzer als Datenpakete. So wie die Botschaft des Fernsehens die Verlagerung der Predigtkanzel ins Wohnzimmer war. (Wer hat sich eigentlich über den Einbruch des Staates in die Privatsphäre durch das Medium Fernsehen beklagt?)

Aber Marshal McLuhan hat nicht ganz recht. Denn das Medium allein ist nicht die Botschaft. Das Medium ist zuerst ein Kontext, und die Botschaft besteht aus Information plus Kontext. Aus der Botschaft wird schließlich beim Empfänger Bedeutung (etwas für ihn relevantes), wenn er a) den Kontext des Mediums, b) den Kontext des Absenders und im besten Fall c) seinen eigenen Wahrnehmungskontext in die Interpretation der Information einfließen lässt. Ich denke, dass wir heute mit a) und b) nicht überfordert sind und uns an c) weiter üben sollten.

« Le message, c'est le médium »

Zu a): Kontext des Mediums ist u.a. seine technische, ökonomische und gesellschaftliche Struktur. Wir wissen, dass das Internet Teil der „Kulturindustrie“ (jener nach wie vor produktive Begriff aus „Dialektik der Aufklärung“ von Adorno/Horkheimer) geworden ist und konnten vermuten, dass es genutzt wird um unsere Kaufbedürfnisse und weitere Begehrlichkeiten auszuforschen. Wir wissen, dass unsere Spuren im Netz militärisch/polizeilich und wirtschaftlich als Informationsquelle genutzt werden: dass ein arabisch klingender Nachname in unserer Freundesliste uns an der Einreise in die USA oder an der Eröffnung eines Bankkontos hindern kann.

Zu b): Kontext des Absenders kann etwa seine Absicht sein, seine Ideologie, unausgesprochene, ausgesprochene oder von uns vermutete Voraussetzungen. Wir wissen, dass Regierungen, Institutionen, Unternehmen, Prominente usw. seltener an Wahrheit interessiert sind als an ihrem Selbstbild. Dass Werbung mit unserem Einverständnis lügt (da uns die pure Wahrheit zu Produkten auch erst zweitrangig interessiert). Dass Blogs von DAX-Unternehmen oft eher der Suchmaschinenoptimierung dienen als der Kommunikation mit Kunden und der Öffentlichkeit.

Zu c): Im Zusammenhang mit den Snowdon-Enthüllungen war wohl der eigene Wahrnehmungskontext von vielen in der „Internetgemeinde“, dass uns eine Perspektive genommen wird. Wir sind gekränkt, weil wir den unverfrorenen Einbruch von Militärs und Staat in unser eigenes Biotop Internet ertragen müssen. Und wir sind besonders beunruhigt, weil wir in der Struktur des Einbruchs totalitäre Hintergründe erkennen. Wir müssen zur Kenntnis nehmen: Das Internet ist auch nur ein Medium, und es ist von der Kulturindustrie einerseits und dem militärisch-staatlichen Gewaltmonopol andererseits mit dominiert. Der Kontext hat sich geändert.


Die ganze Homeland Security nur für ein paar Opponierende?

Das alles ist nun keine Zeit zum Jubeln, aber auch nicht um zu verzweifeln oder um die Hände in den Schoß zu legen. Sascha Lobo hat einen Internetoptimismus gefordert, Evgeny Morozov  in einer Replik darauf neuen Glauben an die Politik.

Das ist vielleicht ein Anfang: Die Geschichte der Demokratie begann damit, feudale Verhältnisse zu überwinden. Dazu wurden mühsam neue Regeln, Verfahren und Beteiligungen begründet. Vielleicht beginnt eine zweite Geschichte der Demokratie damit, dass wir trotz der Möglichkeiten digitaler Überwachung und Kontrolle Regeln einführen und durchsetzen, um das Netz wieder als freie, selbstbestimmte und authentische Menschen nutzen zu wollen und zu können. Dass etwa Projekte wie Liqid Democrazy, so überholt sie einem angesichts der Überwachungs- und Manipulationsmöglichkeiten aktuell scheinen, doch ihr Potential entfalten.

Aber zum Optimismus gibt auch Anlaß, dass wir trotz allem heute mehr Kontrolle über Information und deren Bedeutung haben als früher. Das Internet, sei es besetzt von wem auch immer, wird weiterhin  die Möglichkeit bieten, Informationen zu kommunizieren, wie effektiv im Detail auch immer (verschlüsselt oder nicht, teil-abgeschottet oder nicht, anonym oder nicht). Ich denke, es wird nie mehr ganz so dunkel sein wie in Platos Höhle, wie vor der Erfindung des Buchdrucks oder wie in den finstersten Nächten der deutschen Geschichte.

Mit anderen Worten: Ich bin mir nicht sicher, ob die Kulturindustrie, soweit wir vom Internet sprechen, noch zur ihr von Horkheimer/Adorno zugeschrienenen „Aufklärung als Massenbetrug“ fähig ist. Denn im Internt gibt es nicht mehr die Masse, die es in versprengten Resten evt. noch vor Bildschirn oder Radio gibt.

Occupy London
99% Together – Occupy Protest in London, 31.10.2011

Inzwischen hat das „System“ Angst vor noch so kleinen „Massen“-Bewegungen. „Wir sind das Volk“ – das war eine erfolgreiche Bewegung. „Wir sind 99%“ war nicht ganz so erfolgreich – das „Imperium“, das wir dank Snowdon heute besser kennen, schlug zurück. Banken, FBI, private Sicherheitsfirmen, das U.S. Department of Homeland Security und weitere Anti-Terror-Behörden arbeiteten 2012 eng zusammen – inklusive Einsatz von Undercover Agenten und Data Mining – um Occupy-Wall-Street Mitglieder zu überwachen, zu verfolgen, und an Aktionen zu hindern.

„Big Data erfasst den Menschen als numerisches, nicht als individuelles oder soziales Wesen“ (Evgeny Morozov). Die ganze Sammelwut der NSA oder des BND, gut zum Festhalten von ein paar Opponierenden,  aber wertlos um größere Angriffe oder gar Revolutionen zu verhindern?

Unsere Beklemmung und die Angst des Systems vor uns: Das sind zwei Seiten der gleichen Medaille.

Das alles ist also kein Beweis dafür, dass die Aufklärung 1933 stehen geblieben wäre. Die DDR gibt es nicht mehr, und Information ist und bleibt nicht kontrollierbar.

Nennen wir es nicht Internetoptimismus, wie ihn Lobo fordert, sondern Informationsrealismus. Die Interpretation der Information, die Einschätzung ihrer Kontexte, die Zuweisung von Bedeutung für den Einzelnen: Das sind nämlich Übungen, die der Homo sapiens sapiens – durchaus mit Hilfe seiner Medien – und zuletzt dank Edward Snowdon – inzwischen besser gelernt hat. Mit Rückschlägen, aber doch.

Das Internet ist ein Medium. Aber es ist nicht die Botschaft. Und das ist ein himmelweiter Unterschied.

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http://www.freitag.de/autoren/hg-weber/auf-der-suche-nach-dem-verlorenen-netz

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Das Netz in uns – Eine kopernikanische Wende. Über Krieg, Medien und Demokratie

Ohne vertrauenswürdige Medien und Netzwerke wird es keine Gewaltenteilung, keine Demokratie, keine freien Menschen und keine klugen Entscheidungen mehr geben.

Eine der dunkelsten Stunden der Nachkriegsgeschichte war sicher 9/11. Den Tiefpunkt erreichte der Tag aber nicht im Moment der Flugzeugeinschläge oder im Momemt des Einsturzes, sondern als der amerikanische Präsident George W. Bush ans Rednerpult trat und den Krieg verkündete.

UA Flight 175 hits WTC south tower 9-11 edit

Denn im Krieg gibt es nur Freund oder Feind. Nicht nur ist es die größte Selbsttäuschung und Selbsterniedrigung des Menschen, nur noch schwarz oder weiß sehen zu wollen. Sondern es ist auch der freiwillige Rückzug in die Höhle Platons, wo die Wirklichkeit nur noch Schattenwurf ist. Kriegszustand: Das ist die freiwillige Fesselung an den Fels, die in ihrer Beschränkung wiederum so viel Überheblichkeit nährt, dass ihr eine Botschaft über Licht und Farben von außerhalb der Höhle zwangsläufig als Verrat gelten muss. Wer nicht für uns ist, ist gegen uns. Es ist die Aufhebung aller kultureller Leistungen der Differenzierung zugunsten eines vor-archaischen, einfachen Unterschieds. Manche Halbaffen sehen schwarz-weiß, Ratten, einige Käfer.

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Vom Biedermeier in die partizipatorische Kultur

Deutschlands Umgang mit Öffentlichkeit wandelt sich: Public Viewing, Wutbürger auf den Straßen, Millionen von Facebook-Nutzern, Liquid Democracy selbst in der CDU (1).

Der Biedermeier-Kokon, in dem sich Deutschlands Bürger noch in der Ära Kohl eingeschlossen hatten, öffnet sich. Die Ichlinge der 80er vereinten sich in den Neunzigern zur Spaß-Kultur (Kohl’s Fehlinterpretation: „kollektiver Freizeitpark“). Dann kam die Ernsthaftigkeit zurück: Fischer und Schröder, Jugoslawien und die Verteidigung Deutschlands am Hindukusch. Aus der Spaß- wurde die Wir-Kultur – das hieß jetzt auch wieder Familie und Werte. Und aktuelle Stichworte sind: Runde Tische, Foren, Zukunftswerkstätten. Darüberhinaus sind wir jetzt alle Freunde: Willkommen in der Beteiligungs-Kultur.

Schon die WM 2006 war ein Phänomen – Ungehemmt wurde sich gefreut und geweint, gejubelt und getrauert – Hauptsache gemeinsam. Der Erfolg des Public Viewing überraschte. Zur Sonne, zur Freiheit, zur Öffentlichkeit – Dieser Trend wurde Teil des deutschen Sommermärchens.

Raus aus dem Wohnzimmer, dem Schrebergarten, der Stammkneipe. Es wird nicht mehr nur konsumiert, es wird agiert. Immer offensiver verlangen Bürger ihre Teilhabe an Entscheidungen, es wird gebloggt und getwittert.

Die „Glotze“ verliert an Boden, wird vom Internet – Facebook eingeschlossen – überholt in der täglichen Nutzungsdauer. 14-29 jährige surften länger im Internet als sie TV sahen laut der ARD-ZDF-Onlinestudie 2011 (2).

Konflikte zwischen legitim beanspruchter Anteilnahme und formeller Demokratie werden zu Schlichtungspolitik erhoben und im öffentlichen Fernsehen ausgetragen (Stuttgart 21).

Der Trend hat einen Namen: Partizipatorische Kultur. Eine Kultur der Beteiligung und Teilnahme, Aktivität löst die Passivität der Konsumkultur ab. Das ist keine neue bürgerliche Revolution, wie der Vormärz nach der Biedermeierzeit, aber vielleicht eine bürgerliche Rebellion. Während sich die bürgerliche Revolution der Restaurationszeit gegen die Wiederherstellung der Adels- und Fürstenmacht nach der französischen Revolution richtete, lehnt sich die bürgerliche Rebellion unserer Tage auf gegen Klüngelwirtschaft und eingefahrene Entscheidungsstrukturen von Behörden, Ämtern, Ausschüssen und Politik.

Partizipatorische Kultur ist ein Trend, aber in der Realität noch weitgehend ein Versprechen. Der amerikanische Medienwissenschaftler Henry Jenkins und die Co-Autoren Ravi Purushotma, Katie Clinton, Margaret Weigel und Alice Robison Autor beschrieben sie (3) als eine Kultur

  1. mit relativ niedrigen Schranken für den künstlerischen Ausdruck und bürgerschaftliches Engagement
  2. mit starker Unterstützung für die Erstellung und gemeinsame Nutzung von Kreationen mit anderen
  3. mit einer Art von informellen Mentoring, Weitergabe von Wissen von Erfahrenen an Neulinge
  4. in der die Mitglieder glauben, dass ihre Beiträge von Bedeutung sind
  5. in der die Mitglieder ein gewisses Maß an sozialer Verbindung untereinander empfinden (sie sind zumindest daran interessiert, was andere zu ihren Kreationen sagen)

Das Internet ist nicht die Ursache dieser Rebellion, aber  die Rebellion macht es zu ihrem Werkzeug. Das Web 2.0 – auf dieses Phänomen war der Begriff partizipatorische Kultur von den amerikanischen Medienwissenschaftlern hin gemünzt – ist ein Werkzeug, das mittelfristig vielleicht zu einer Demokratie  führen kann, in der außerparlamentarische Kräfte einen größeren Einfluss erhalten – APO 2.0.

APO 2.0

Facebook ist ein Symptom des Trends, Liquid Democracy ein anderes. Beide – und andere soziale Netze und Technologien – müssen noch beweisen, dass sie dem partizipatorischen Anspruch wirklich gewachsen sind. Längst haben Spieltheoretiker und Mathematiker schlüssig herausgefunden (4), dass gut vernetzte Gemeinschaften (unter der Bedingung, dass Reputation sichtbar im Spiel ist) ohne Beteiligung von Politikern in der Problemlösung in der Regel besser abschneiden als mit Politikern.

Auch das wäre noch in realiter zu beweisen. Zukunftsaufgaben wie Klimawandel, Atomausstieg, Wasserknappheit oder Welternährung stellen die Probe aufs Exempel dar, ob vernetzte Diskussions- und Entscheidungsformen die bisher entwickelten politischen Modelle produktiv ergänzen können. Aber das ist ein eigenes Thema.

Wir werden jedenfalls, wie es aussieht, jede Kreativität, jede Ernsthaftigkeit, jede Gemeinsamkeit und jede Zuversicht brauchen. Ob bei Netzwerk-Programmieren, bei Regierungen, Unternehmen oder auf den Straßen. Wenn wir es schaffen – dann gemeinsam.

Anmerkungen:

(1) Liquid-Feedback-Einsatz NRW – Union will Piratentaktik kopieren – Spiegel Online

(2) ARD-ZDF-Onlinestudie 2011: Mediennutzung

(3) Confronting the Challenges of Participatory Culture: Media Education for the 21st Century, Henry Jenkins

(4) „Egoismus schafft Gemeinsinn“, http://www.evolbio.mpg.de/pdf/Egoismus.pdf, Prof. Dr. Manfred Milinski, sowie „Reputation helps solve the ‚tragedy of the commons'“. Nature 415:424-426 (2002), Milinski M., Semmann D., Krambeck H.-J.

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