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Ein Blog von Heinz-Günter Weber

Kategorie-Archiv: Politik

PeerBlöd – scheitern auf sozialdemokratisch – Zum PeerBlog

Das Scheitern von PeerBlog.de ist kein Zufall. Es ist die Konsequenz eines blinden Flecks in der Wahrnehmung von Kandidat, Beraterumfeld, PR-Agentur. Gut, dass Doppelmoral 2.0 nicht funktioniert.

DPeerBlog - Google Vorschaubildas PeerBlog ist nach einer Woche vom Netz. Schade, man hätte der deutschen Politik durchaus frischen Wind und der Beraterklasse mehr Kompetenz gewünscht.

Wie – mit Verlaub – dämlich kann man eigentlich sein, a) als Kanzlerkandidat b) als Kandidatensprecher und c) als PR-Agentur, die Geld- und Auftraggeber hinter peerblog.de verheimlichen zu wollen?  Als hätten nicht Kohls anonym gebliebene Parteispender (Stichwort: Schwarzgeldaffäre) schon einen Kanzler zu Fall und Angela Merkel an die Macht gebracht. Als hätte es nie wikileaks gegeben, als wären in Stuttgart unterirdische Planungen einfach hingenommen worden.

Als wäre nicht endlich mit Transparenz ein alter demokratischer, emanzipatorischer Wert dank Internet einforderbar und gesellschaftlich relevant geworden.

Was viele in der Politik, aber offenbar selbst auf Berater- und Agenturebene noch nicht erkennen, ist dass über das Internet gerade weitreichende Veränderungen im Werte-System abseits gewohnter politischer Verfahren und Debatten geschehen. Das Web 2.0 und die sozialen Medien erlauben und fördern die partizipatorische Debatte und Verabredung über Werte, die Legitimitäten neu definieren kann.

Das Internet ist damit nicht nur kein rechtsfreier Raum, sondern gerade der Raum, in dem sich heute Legitimität neu definieren kann und beweisen muss.

Wo Legitimität und Recht sich widersprechen, stellt sich schon immer die Machtfrage, erhebt sich Protest und wird Veränderungsdruck erzeugt. Die Partizipation der Bürger, auch der Hacker, sollte von der Politik endlich einmal als positives Signal der gesellschaftlichen Entwicklung erkannt und das Netz nicht hauptsächlich als „rechtsfreier Raum“, als Bedrohung, als Spielwiese hedonistischer Egoisten, Nerds und anderen zwielichtigen Gestalten verleumdet werden. Das latente Stänkern gegen das Internet ist unehrlich, denn gleichzeitig wird das Internet für manipulatorische Versuche wie eben peerblog.de gerne genutzt. Diese Doppelmoral erinnert ganz an muffige Zeiten, als der Protest noch auf die Straße, das Schlafzimmer, die Kunst angewiesen war:

Wenn einer mal Gitarre spielte, kam sofort der Polizeiknüppel … Sie machten sich doch damals praktisch schon strafbar, wenn Sie Geschlechtsverkehr hatten, ohne verheiratet zu sein. Wenn Hildegard Knef eine halbe Brust heraushängen ließ, wurde die Aktion „Saubere Leinwand“ aktiv.“ (Aus Wikipedia über die 68-er Bewegung, Filmplakat „Die Sünderin„)

Das Scheitern mit dem PeerBlog im aktuellen Umfeld ist kein Zufall. Es ist die Konsequenz einer gemeinsamen blinden Stelle in der vorwiegend rückwärtsgewandten Wahrnehmung von Kandidat, Beraterumfeld, PR-Agentur und wahrscheinlich vieler in der SPD. Doppelmoral oder Spießertum 2.0 – aber das funktioniert nicht.

Was ist nun der blinde Fleck? Peer Steinbrück schreibt auf seiner Website in der Rubrik „Warum ich Kanzler werden will„:

„Es ist das zentrale Thema unserer Zeit, dass selbst Bürger, die sich früher sicher glaubten, mit einem guten Job, einer guten Ausbildung und etwas auf der hohen Kante, heute verunsichert sind.“

Im nächsten Satz verrät er gleich die Schuldigen:

„Aufgrund der Turbulenzen auf den Finanzmärkten kann auf einen Schlag alle Sicherheit weg sein.“

Was Steinbrück und sein Beraterteam nicht erkennen: Die Verunsicherung betrifft nicht nur den gesetzten Mittelstand und geht zu guten Teilen von ganz anderen Ursachen aus. Es geht nicht nur um das Versagen von Finanzmärkten oder deren politischer Kontrolle. Der Kandidat macht es sich damit einfach zu leicht, und mit ihm die alte Tante SPD, der dazu insgesamt wenig auf- und einfällt.

Jeder individuell, jede Organisation, jedes Unternehmen spürt den Veränderungsdruck und sucht nach Ursachen, aber diese lassen sich in der Regel nur schwer fassen. Ich möchte deshalb ein sehr schönes Zitat der Philosophin, Sozialpsychologin,  Ökonomin Shoshana Zuboff (eine der ersten weiblichen Dozentinnen an der Harvard Business School, Porträt auf Wikipedia, leider nur englisch) anbringen, das Wahrnehmungen beschreibt, die bei Steinbrück und Co. dem blinden Fleck zum Opfer fallen:

… unsere institutionellen Vereinbarungen müssen komplett neu gedacht werden: die Privatsphäre, das Recht, die gesellschaftliche Verantwortung, auch Dinge wie unsere eigene Transparenz (Bem.: u.a. gemeint hier: subtile Überwachungsstrukturen).

Es ist unsere Last und unser Segen …, dass wir aus dem vertrauten Umfeld vertrieben wurden  und auf die Frage nach unserer Identität nicht länger antworten können: Ich bin meines Vaters Sohn, ich bin meiner Mutter Tochter. Jeder von uns trägt die Last, eine eigene Antwort zu finden. Wir müssen uns allein erarbeiten, wer wir sind. So weit die Last. Der Segen besteht darin, dass jeder sich als einzigartig versteht und deshalb einen legitimen Anspruch auf Respekt vor seiner Einzigartigkeit hat.

Ging es früher um Religion, freie Meinungsäußerung und Wahlrecht, wird nun in jedem Bereich unseres Lebens Anspruch auf Rechte erhoben. Von Geschlecht und Sexualität bis zu physischen Fähigkeiten und zum Alter ist kein persönlicher Bereich von diesen Ansprüchen ausgenommen. lch betrachte das als Aufblühen, als fast unbegreiflich positives Signal von Menschlichkeit. Wir halten uns für wert, in Würde zu leben. (Das Zitat stammt aus dem Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 10.2.13 unter dem Titel „Das System versagt“)

So kann man gesellschaftliche Veränderungen und Umbrüche auch analysieren, und daraus Politik ableiten. Dazu müsste man die Veränderung (also auch die Wähler!) aber erst einmal ernst und wahr nehmen, und nicht aus dem Tunnelblick heraus schnell mal die Kavallerie gen Finanzmarkt mobilisieren.

Oder, wie im Fall des PeerBlog, „schnell mal“ einen Kanal einzurichten, der mangels Transparenz den berechtigen, Medienkompetenz ausdrückenden Vorbehalt eines Propagandamediums hervorruft. Peer Steinbrück kann sich bei den Hackern bedanken, die schnell und unmißverständlich reagiert haben.

Das Unvermögen der Politik, aktuelle Probleme in ihrer Vielschichtigkeit unideologisch wahrzunehmen, ist ein weiterer Punkt, den das PeerBlog, aber auch die Wahlkampfstrategie Steinbrücks, belegt. Und das ist ein weiterer Grund für die Verunsicherung – die etablierte Politik scheint kaum in der Lage, richtig zu verstehen, was vor sich geht, und entsprechend zu reagieren.

Denn leider kann man sich bislang nicht damit trösten, dass es andere Parteien viel besser machten.

der Freitag - Das MeinungsmediumDieser Artikel kann auch nachgelesen werden auf freitag.de:
http://www.freitag.de/autoren/hg-weber/peerbloed-2013-scheitern-auf-sozialdemokratisch

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Nachrichten ǀ Nachrichten sind uns egal – Gut so! — der Freitag

Den Artikel „Nachrichten sind uns egal – Gut so!“ wurde auch in der Freitag.de-Community veröffentlicht und vom Freitag-Team mit dem ultimativen Nachrichten-Bild versehen. Danke!

Nachrichten ǀ Nachrichten sind uns egal – Gut so! — der Freitag.

„Nachrichten sind uns egal“ – Gut so!

Ein schönes Beispiel für den selbstvergessenen, kulturpessimistischen Standardreflex deutscher Medien auf digitale Neuerungen liefert ausgerechnet Spiegel Online.

Unter dem Titel „Nachrichten sind uns egal“ berichtet Spiegel Online (1) über eine „Wissensstudie unter Jugendlichen“ (2), die herausgefunden haben will, dass Jugendliche weniger an Nachrichten interessiert sind als Erwachsene und weniger über die aktuelle Nachrichtenlage wissen.

„Für das tagesaktuelle Geschehen hat das jetzt eine Studie der TU Dresden gezeigt. Demnach wissen Jugendliche deutlich weniger über aktuelle Nachrichten als Erwachsene. Nur 39 Prozent der Jugendlichen (14 bis 17 Jahre) und nur jeder zweite junge Erwachsene (18 bis 29 Jahre) haben der Untersuchung zufolge von den zwei wichtigsten Nachrichtenereignissen des Vortages gehört. Bei den über 30-Jährigen waren es 66 Prozent.“

Untersucht wurde das an Beispielen: Die Wissenschaftler wählten damals aktuelle Themen aus wie den Rücktritt von Horst Köhler, die Hilfen für Griechenland oder die AKW-Laufzeitverlängerung.

Spiegel Online leitet das Ganze so ein:

Es ist eine alte Klage der Erwachsenen: Jugendliche wüssten zu wenig, wahlweise über Geschichte, Politik oder Kultur. Sie seien desinteressiert, träge oder faul. Und immer wieder zeigen Studien, dass die Klagen zumindest teilweise eine tatsächliche Basis haben.

Immerhin erkennt der Spiegel, dass die Klage über interesselose Jugendliche einen mindestens 2500 Jahre langen Bart hat. Aber warum setzt ein selbsterklärtes Leitmedium wie „Spiegel Online“ ihr so wenig Konstruktives entgegen? Es wiederholt die Klage brav: Klar ist was dran, die Jugendlichen sind heute träge, faul und desinteressiert.

Könnte man nicht fragen, warum sich Jugendliche dafür nicht zu interessieren scheinen? Oder warum sie sich überhaupt für klassische Nachrichtenthemen interessieren sollten? Sind die Nachrichten aus ARD, ZDF, den Prviatsendern, dem Radio, den Zeitungen überhaupt relevant für sie? Die Jugendlichen haben heute, so vermute ich, ein besonderes Gespür dafür, was wichtig ist für sie und was nicht. Eine aktuelle Studie bei Audi über junge Mitarbeiter lobt diese „Eigensinnigkeit“: „Die Generation Y ändert die Unternehmen“ (3). Wenn man die Jugendlichen nicht nur als Mitarbeiter, sondern auch politisch ernst nimmt, könnte man Ihrem Empfinden und Ihrer Realität vielleicht etwas näher kommen, anstatt zu sie bequem und billig, lieber Spiegel, abzutun.

Information ist ein Unterschied, der einen Unterschied macht.“ (Gregory Bateso, Ökologie des Geistes). Machen Nachrichten für Jugendliche einen Unterschied? Macht es für Sie wirklich einen Unterschied, ob Horst Köhler Bundespräsident ist oder ein Herr Wulff? Macht es für sie wirklich einen Unterschied, wer welches Detail der AKW-Laufzeitverlängerung wie kommentiert? Nachrichtensendungen sind heute viel zu sehr Teil des politischen Spiels,  man könnte sie als von verschiedenen Interessen geradezu „verzinkt“ betrachten, als dass die Nachrichten per se Informationen wären. Sind Nachrichtensendungen mehr wert als das Ritual, das sie darstellen?

Hier soll nicht die Wichtigkeit und auch Macht der „Vierten Gewalt“ der Medien im demokratischen Prozess in Frage gestellt werden. Aber es darf einmal gesagt werden, dass Nachrichten erstens Teil eines politischen Systems sind, von dem sich zweitens Jugendliche besonders häufig ausgegrenzt fühlen. Für Jugendliche interessante Politik findet an den Rändern statt, kaum noch im System: Auf ACTA-Demonstrationen, in Anonymous-Zirkeln, bei privatem Engagement und in sozialen Netzen. Zumindest der Teil der gebildeten Jugend, die Medienkompetenz besitzen, kann sich von Fernsehnachrichten nicht mehr ausreichend und kaum noch über das Richtige informiert fühlen.

Neu ist gegenüber früheren Protesten wie der APO, der Nachrüstungsdiskussion oder der Anti-AKW-Bewegung, dass die Jugendlichen heute eine andere Wahlmöglichkeit haben. Sie haben andere Medien der Verständigung, auch weniger gefilterte: Twitter zum Beispiel im eher öffentlichen Bereich, Facebook, SMS und das Smartphone im eher privaten.

Nachrichten und Politik werden weitegehend über die Köpfe der Jugendlichen hinweg gemacht. Der politische Prozess inklusive seiner medialen Begleitung durch die klassischen Medien erfüllt nicht mehr ihre Ansprüche auf Relevanz oder Anteilnahme. Der Anteil von jungen Wählern an den Wahlergebnissen der Piraten spricht dazu Bände.

Das Phänomen betrifft nicht nur das Deutschland. David Buckingham, Professor am Institute of Education der London University und nominiert für die „Academy of Social Sciences“ in England, bringt es auf den Punkt:

“By and large, young people are not defined by society as political subjects, let alone as political agents. Even in the areas of social life that affect and concern them to a much greater extent than adults–most notably education–political debate is conducted almost entirely ‘over their heads’” (zitiert in 4)

Was wirklich relevant ist, das findet in Hinterzimmern, beim Lobbying, bei Geheimdiensten, im Big Business – oder öffentlich, aber außerhalb der erlaubten Wege statt – siehe auch Occupy, siehe Tunesien und Ägypten. Diese Lektion haben Jugendliche heute gelernt.

Der amerikanische Medienwissenschaftler Henry Jenkins beschreibt internationale Politik, wie sie von den Nachrichten konstruiert wird, als Zuschauersport:

Politics, as constructed by the news, becomes a spectator sport, something we watch but do not do. Yet, the new participatory culture offers many opportunities for youth to engage in civic debates, to participate in community life, to become political leaders, even if sometimes only through the “second lives” offered by massively multiplayer games or online fan communities. (4)

Man kann es also durchaus als Zeichen gelungener Medienbildung verstehen, wenn Jugendliche sich dem Nachrichtenritual der klassischen Medien teilweise verweigern.
Anmerkungen:

(1) Spiegel Online – „Nachrichten sind uns egal“

(2) Studie TU Dresden

(3) Spiegel Online „Die Generation Y ändert die Unternehmen“

(4) Confronting the Challenges of Participatory Culture: Media Education for the 21st Century, Henry Jenkins

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