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Ein Blog von Heinz-Günter Weber

Kategorie-Archiv: Walter Benjamin

Nirwana-Maschine mit Choc-Komponente

Die „Glotze“ als technische Annäherung an das Nirwana: Der Artikel „Das Nullmedium“ von Hans Magnus Enzensberger aus dem Spiegel Nr. 20 / 1988 hat es verdient, hier verlinkt zu werden.

Genauer: Ein ausführliches Zitat des Artikels, gefunden auf http://www.groscurth.com/archives/2003_05.html. Plus ein Kommentar aus Sicht von 9/11 und in Memoriam Walter Benjamin.

Aus dem Artikel „Das Nullmedium“ (Spiegel Nr. 20 / 1988) von Hans Magnus Enzensberger:

Das Fernsehen wird primär als eine wohldefinierte Methode zur genußreichen Gehirnwäsche eingesetzt; es dient der individuellen Hygiene, der Selbstmeditation. Das Nullmedium ist die einzige universelle und massenhaft verbreitete Form der Psychotherapie.

Wem diese Argumentation ex negativo zu düster ist, dem kann geholfen werden. Er braucht seinen Blick nur von den unangenehmen Tatsachen fort in höhere Sphären zu richten und die derzeit wieder einmal so beliebten ältesten Weisheitslehren der Menschheit zu Rate ziehen. Wenn nämlich unsere Konzentration ihr Maximum erreicht – das geht aus jedem esoterischen Taschenbuch einwandfrei hervor -, ist sie von Geistesabwesenheit nicht mehr zu unterscheiden, und umgekehrt: die extreme Zerstreuung schlägt in hypnotische Versenkung um.

Insofern kommt der Wattebausch vor den Augen der Transzendentalen Meditation recht nahe. So ließe sich auch die quasi-religiöse Verehrung, die das Nullmedium genießt, zwanglos erklären: Es stellt die technische Annäherung an das Nirwana dar. Der Fernseher ist die buddhistische Maschine.
Zugegeben: Es handelt sich hier um ein utopisches Projekt, das, wie alle Utopien, kaum ohne einen Erdenrest zu verwirklichen ist.

Online-Quelle und ausführlicheres Zitat hier.

Nicht in jeder Passage bleibt Enzensbergers Nirwana-Theorie plausibel:

Dagegen ereignet sich so etwas wie eine Bildstörung, sobald im Sendefluss ein Inhalt auftaucht, eine echte Nachricht oder gar ein Argument, das an die Außenwelt erinnert. Man stutzt, reibt sich die Augen, ist verstimmt und greift zur Fernbedienung. Diese äußerst zielbewusste Nutzung verdient endlich ernst genommen zu werden.

Denn wie war das an 9/11, am 11. September 2001? Zweifellos tauchte das im Sendefluss ein „echter Inhalt“ auf, und das Verhalten war eben nicht, wegzuzappen per Fernbedienung zur Wiederaufnahme der Meditation, respektive Gehirnwäsche.

Genausowenig wie es 1963 war: Nach dem Attentat auf Präsident J.F. Kennedy und dessen Tod brauchte das Fernsehen ein schwarzes Bild unterlegt mit Trauermusik. Wenn mich eine meiner ersten prägenden TV-Erinnerungen nicht trügt, lief der Fernseher sehr lange, sehr beunruhigend, mit Schwarzbild und Klassik weiter.

Was heißt das? Ist der Riß im Sendefluss, durch den plötzlich Wirklichkeit dringt, mehr als eine (Bild-)Störung? Ist er gerade die Dosis Realität, durch den der Cocktail TV-Genuss erst seine Suchtkomponente erhält?

Wenn ja, wäre die Nirwana-Maschine auch so zu definieren (Walter Benjamin läßt grüßen):

Zerstreute Entspannung mit Einlage von Realitäts-Chocs – perfekter, schockweiser Nervenkitzel und vielleicht einzig erträgliche Methode, die Realität an sich heranzulassen.

Diese Choc-Komponente hat Herr Enzensberger vielleicht etwas nachlässig behandelt, auch wenn er seinen Benjamin sicher auswendig kann.

Bewerbungen als magisches Ritual

Wenn der Mensch seine Umwelt nicht kontrollieren kann durch Verstand, Wissenschaft, Erkennen, weicht er aus auf Magie. Unter dem Titel „Die Magie der Bewerbung“ schreibt Telepolis in schönstem Benjamin’schen Diktus von einem „Neoprimitivismus im Zeitalter der Massenarbeitslosigkeit“ und erklärt das Versenden besonders schön gestalteter und mit tollen Fotos versehener Bewerbungsmappen zum modernen magischen Ritual.

Hier die Kerngedanken des Telepolis-Artikels von Peter Mühlbauer:

„In seiner 1925 erschienenen Studie Magic, Science and Religion wies der Ethnologe Bronislaw Malinowski anhand von Material, das er in der Südsee gesammelt hatte, nach, dass Gesellschaften nicht – wie man bis dahin geglaubt hatte – in einer evolutionären Rangfolge ausschließlich von magischem, religiösem oder wissenschaftlichem Denken bestimmt sind, sondern dass alle drei Formen in allen Gesellschaften vorkommen. „Wissenschaftlich“ werden immer jene Bereiche behandelt, die der Mensch technisch beeinflussen kann, „magisch“ jene die außerhalb seiner Wirkungsmacht stehen.

Felder für magisches Denken öffnen sich auch durch vom Menschen gemachte aber trotzdem vom Individuum nicht kontrollierbare Entitäten wie „Markt“ im allgemeinen und „Arbeitsmarkt“ im besonderen. Walter Benjamin (Anm.: In Kapitalismuds und Religion) , Christoph Deutschmann und Thomas Frank wiesen auf die Wahrnehmung ökonomischer Begriffe als übernatürliche Mächte hin. Hesiod (Wikipedia – Hesiod) hatte diesen Effekt bereits im 7. Jahrhundert vor Christus erkannt und sprach z.B. davon dass auch ein Gerücht ein „Gott“ sein könne.

Begünstigt wird diese Entwicklung hin zum „magischem“ Denken unter anderem dadurch, dass die Wirksamkeit einer Bewerbungsmappe oder eines Bewerbungsfotos empirisch kaum nachprüfbar ist[11] . Die Überprüfung der Richtigkeit des magischen Rituals schreibt man deshalb hier wie da einer übernatürlichen, unpersönlichen Macht zu. Was bei den Südseeinsulaner des frühen 20. Jahrhunderts [extern] „Mana“, bei den Sioux [extern] „Wakan“ und bei Algonkin-Indianern [extern] „Manitu“ hieß, das ist für den Arbeitslosen des frühen 21. Jahrhunderts der „Markt“.“

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