Café Lascaux – Medien / Politik / Philosophie

Ein Blog von Heinz-Günter Weber

Schlagwort-Archiv: Demokratie

Das Schlimmste, was man sein kann, ist authentisch…

„Das Schlimmste, was man sein kann, ist authentisch.
Man hat eine Kunstfigur zu sein, um den anderen nicht auf die
Nerven zu gehen.“ Harald Schmitt

Zitiert in Hoheluft_Authentizität.pdf (application/pdf-Objekt).

Im Artikel „Bin ich echt“ von Robin Droemer heißt es weiter:

Das ist nicht ganz falsch, aber irgendwie unbefriedigend. Wir spielen nicht einfach nur mit unseren Identitäten und Rollen, sondern versuchen, unser Leben in einen stimmigen Zusammenhang zu bringen. Charles Taylor und eine Reihe anderer Philosophen betrachten persönliche Identität heute als eine Art Geschichte, die wir fortwährend anderen und uns
selbst erzählen: Um zu wissen, wer wir sind, müssen wir eine Vorstellung haben, woher wir kommen – und wohin wir gehen. Jeder muss gewissermaßen selbst herausfinden, »was es heißt, er selbst zu sein« (Charles Taylor). Diese Selbstfindung setzt aber voraus, dass wir unser eigenes Leben gestalten. Unser wahres Selbst »finden« wir nicht. Wir erschaffen es.

Wahre Authentizität steht immer in einem Spannungsfeld: Zwar müssen wir gegenüber unserem Selbstbild kritisch sein und »bekehrbar« bleiben, dazu braucht es vielleicht auch eine gewisse Portion Ironie. Doch Authentizität bedeutet eben auch, für etwas zu stehen und seine »Sache« standhaft zu vertreten, und zwar auch gegen Widerstände. Genau das macht Authentizität unverzichtbar für eine demokratische Gesellschaft.

Wirklich authentische Menschen leben nicht auf einer einsamen Insel. Authentizität zeigt sich dort, wo es »brennt« – nämlich mitten im Leben. Sie ist keine Kuscheltugend, sondern eine Waffe, die auch mal verletzen kann. Wer wirklich für etwas steht, wer »Ecken und Kanten« hat, stößt zwangsläufig mit anderen zusammen. Wirklich authentische Menschen werden eben nicht von allen geliebt, sondern von vielen auch gefürchtet.

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Value is fragile and complex

„Any Future not shaped by a goal system with detailed reliable inheritance from human morals and metamorals, will contain almost nothing of worth.“

„We can’t relax our grip on the future – let go of the steering wheel – and still end up with anything of value.“

http://lesswrong.com/lw/y3/value_is_fragile/

Vom Biedermeier in die partizipatorische Kultur

Deutschlands Umgang mit Öffentlichkeit wandelt sich: Public Viewing, Wutbürger auf den Straßen, Millionen von Facebook-Nutzern, Liquid Democracy selbst in der CDU (1).

Der Biedermeier-Kokon, in dem sich Deutschlands Bürger noch in der Ära Kohl eingeschlossen hatten, öffnet sich. Die Ichlinge der 80er vereinten sich in den Neunzigern zur Spaß-Kultur (Kohl’s Fehlinterpretation: „kollektiver Freizeitpark“). Dann kam die Ernsthaftigkeit zurück: Fischer und Schröder, Jugoslawien und die Verteidigung Deutschlands am Hindukusch. Aus der Spaß- wurde die Wir-Kultur – das hieß jetzt auch wieder Familie und Werte. Und aktuelle Stichworte sind: Runde Tische, Foren, Zukunftswerkstätten. Darüberhinaus sind wir jetzt alle Freunde: Willkommen in der Beteiligungs-Kultur.

Schon die WM 2006 war ein Phänomen – Ungehemmt wurde sich gefreut und geweint, gejubelt und getrauert – Hauptsache gemeinsam. Der Erfolg des Public Viewing überraschte. Zur Sonne, zur Freiheit, zur Öffentlichkeit – Dieser Trend wurde Teil des deutschen Sommermärchens.

Raus aus dem Wohnzimmer, dem Schrebergarten, der Stammkneipe. Es wird nicht mehr nur konsumiert, es wird agiert. Immer offensiver verlangen Bürger ihre Teilhabe an Entscheidungen, es wird gebloggt und getwittert.

Die „Glotze“ verliert an Boden, wird vom Internet – Facebook eingeschlossen – überholt in der täglichen Nutzungsdauer. 14-29 jährige surften länger im Internet als sie TV sahen laut der ARD-ZDF-Onlinestudie 2011 (2).

Konflikte zwischen legitim beanspruchter Anteilnahme und formeller Demokratie werden zu Schlichtungspolitik erhoben und im öffentlichen Fernsehen ausgetragen (Stuttgart 21).

Der Trend hat einen Namen: Partizipatorische Kultur. Eine Kultur der Beteiligung und Teilnahme, Aktivität löst die Passivität der Konsumkultur ab. Das ist keine neue bürgerliche Revolution, wie der Vormärz nach der Biedermeierzeit, aber vielleicht eine bürgerliche Rebellion. Während sich die bürgerliche Revolution der Restaurationszeit gegen die Wiederherstellung der Adels- und Fürstenmacht nach der französischen Revolution richtete, lehnt sich die bürgerliche Rebellion unserer Tage auf gegen Klüngelwirtschaft und eingefahrene Entscheidungsstrukturen von Behörden, Ämtern, Ausschüssen und Politik.

Partizipatorische Kultur ist ein Trend, aber in der Realität noch weitgehend ein Versprechen. Der amerikanische Medienwissenschaftler Henry Jenkins und die Co-Autoren Ravi Purushotma, Katie Clinton, Margaret Weigel und Alice Robison Autor beschrieben sie (3) als eine Kultur

  1. mit relativ niedrigen Schranken für den künstlerischen Ausdruck und bürgerschaftliches Engagement
  2. mit starker Unterstützung für die Erstellung und gemeinsame Nutzung von Kreationen mit anderen
  3. mit einer Art von informellen Mentoring, Weitergabe von Wissen von Erfahrenen an Neulinge
  4. in der die Mitglieder glauben, dass ihre Beiträge von Bedeutung sind
  5. in der die Mitglieder ein gewisses Maß an sozialer Verbindung untereinander empfinden (sie sind zumindest daran interessiert, was andere zu ihren Kreationen sagen)

Das Internet ist nicht die Ursache dieser Rebellion, aber  die Rebellion macht es zu ihrem Werkzeug. Das Web 2.0 – auf dieses Phänomen war der Begriff partizipatorische Kultur von den amerikanischen Medienwissenschaftlern hin gemünzt – ist ein Werkzeug, das mittelfristig vielleicht zu einer Demokratie  führen kann, in der außerparlamentarische Kräfte einen größeren Einfluss erhalten – APO 2.0.

APO 2.0

Facebook ist ein Symptom des Trends, Liquid Democracy ein anderes. Beide – und andere soziale Netze und Technologien – müssen noch beweisen, dass sie dem partizipatorischen Anspruch wirklich gewachsen sind. Längst haben Spieltheoretiker und Mathematiker schlüssig herausgefunden (4), dass gut vernetzte Gemeinschaften (unter der Bedingung, dass Reputation sichtbar im Spiel ist) ohne Beteiligung von Politikern in der Problemlösung in der Regel besser abschneiden als mit Politikern.

Auch das wäre noch in realiter zu beweisen. Zukunftsaufgaben wie Klimawandel, Atomausstieg, Wasserknappheit oder Welternährung stellen die Probe aufs Exempel dar, ob vernetzte Diskussions- und Entscheidungsformen die bisher entwickelten politischen Modelle produktiv ergänzen können. Aber das ist ein eigenes Thema.

Wir werden jedenfalls, wie es aussieht, jede Kreativität, jede Ernsthaftigkeit, jede Gemeinsamkeit und jede Zuversicht brauchen. Ob bei Netzwerk-Programmieren, bei Regierungen, Unternehmen oder auf den Straßen. Wenn wir es schaffen – dann gemeinsam.

Anmerkungen:

(1) Liquid-Feedback-Einsatz NRW – Union will Piratentaktik kopieren – Spiegel Online

(2) ARD-ZDF-Onlinestudie 2011: Mediennutzung

(3) Confronting the Challenges of Participatory Culture: Media Education for the 21st Century, Henry Jenkins

(4) „Egoismus schafft Gemeinsinn“, http://www.evolbio.mpg.de/pdf/Egoismus.pdf, Prof. Dr. Manfred Milinski, sowie „Reputation helps solve the ‚tragedy of the commons'“. Nature 415:424-426 (2002), Milinski M., Semmann D., Krambeck H.-J.

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