Café Lascaux – Medien / Politik / Philosophie

Ein Blog von Heinz-Günter Weber

Schlagwort-Archiv: Adorno

Manfred Faßler: Negativismus gegenüber Medien

„Der Negativismus gegenüber Medien speist sich also aus einer Fremdheit gegenüber den eigenen Gefühlen, einer Selbstveredelung des „reinen Geistes“, verbunden mit der Ablehnung der Heiterkeit, und der Fremdheit gegenüber den eigenen materialen, medien-technologischen Produkten. Zugespitzt wird dieser Negativismus durch Th. W. Adornos Formulierung und Ablehnung der „Kulturinduslrie“, der dann zahlreiche Nachdenkergenerationen folgten. Adornos Verdikt gegen die „Heiterkeit“ der „Kulturindustrie“, da sie „synthetisch, falsch, verhext“ sei (Th. W. Adorno 1974, S. 153), entzieht der Lebensfreude moralisierend die Selbstsorge. Das Entsetzen des Holocaust prägte diese massive Ablehnung des Mcdialen, vor allem, weil es den Völkermord während des Nationalsozialismus in Deutschland dem Vergessen anheim zu geben schien, – wogegen jede Polemik gerechtfertigt ist. Allerdings verliert der politisch-philosophische Kampf gegen den Holocaust und gegen jeden Genozid die Medienentwicklungen aus dem Blick. Adomo und die ihm folgende Kritische Theorie verlieren Medialität und Medienevolution aus dem wissenschaftlichen Fragefeld.“

Quelle: Manfred Faßler, „Erdachte Welten – Die Evolution globaler Kulturen“, SpringerWienNewYork, ISBN 1611-1885, S. 250

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Die Kultur, der Tod und die Utopie: Was Oswald Spengler übersehen hat, nach Adorno

Theordor W. Adorno in einer Festrede zu Oswald Spenglers 70. Geburtstag (1950)

Was Kultur ist, trägt die Spur des Todes — das zu verleugnen, bliebe ohnmächtig vor Spengler, der von den Geheimnissen der Kultur kaum weniger ausgeplaudert hat als Hitler von denen der Propaganda. Um dem Zauberkreis der Spenglerschen Morphologie zu entrinnen, genügt es nicht, die Barbarei zu diffamieren und auf die Gesundheit der Kultur sich zu verlassen — eine Vertrauensseligkeit, in deren Angesicht Spengler hohnlachen könnte. Vielmehr ist das Element der Barbarei an der Kultur selber zu durchdringen. Nur solche Gedanken haben eine Chance, das Spenglersche Verdikt zu überleben, welche die Idee der Kultur nicht weniger herausfordern als die Wirklichkeit der Barbarei. Die pflanzenhafte Kulturseele Spenglers, das vitale „In-Form-Sein“, die unbewußte archaische Symbolwelt,an deren Ausdruckskraft er sich berauscht —all diese Zeugnisse selbstherrlichen Lebens sind Sendboten des Verhängnisses, wo sie wirklich in Erscheinung treten. Denn sie alle zeugen von Zwang und Opfer, die Kultur den Menschen auferlegt. Auf sie sich verlassen und den Untergang verleugnen, heißt nur ihrer tödlichen Verstrickung um so tiefer verfallen. Es heißt zugleich wieder herstellen wollen, worüber bereits Geschichte jenes Verdikt aussprach, das für Spengler das letzte bleibt, während Weltgeschichte, indem sie ihr Urteil vollstreckt, das mit Recht Verurteilte gerade in seiner Unwiederbringlichkeit ins Recht setzt.

Eines ist Spenglers spähendem Jägerblick, der erbarmungslos die Städte der Menschheit durchstreift, als wären sie die Wildnis, die sie sind — eines ist diesem Jägerblick verborgen: die Kräfte, die im Verfallfrei werden. „Wie scheint doch alles Werdende so krank“ — der Satz des Dichters Georg Trakl transzendiert die Spenglersche Landschaft. In der Welt des gewalttätigen und unterdrückten Lebens ist Dekadenz, die diesem Leben, seiner Kultur, seiner Roheit und Erhabenheit die Gefolgschaft aufsagt, das Refugium des Besseren. Die ohnmächtig,nach Spenglers Gebot, von Geschichte beiseite geworfen und vernichtet werden,verkörpern negativ in der Negativität dieser Kultur, was deren Diktat zu brechen und dem Grauen der Vorgeschichte sein Ende zubereiten wie schwach auch immer verheißt.In ihrem Einspruch liegt die einzige Hoffnung, es möchten Schicksal und Macht nicht das letzte Wort behalten. Gegen den Untergang des Abendlandes steht nicht die überlebende Kultur, sondern die Utopie, die im Bilde der untergehenden wortlos fragend beschlossen liegt.

Quelle: PDF, The Month (Der Monat), issue: 020 / 1950, pages: 115128, auf www.ceeol.com.

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